"Wenn der Wind singt / Pinball 1973" - Buchrezension

      

Allgemeine Infos:
Titel: "Wenn der Wind singt" & "Pinball 1973"
Originaltitel: 風の歌を聴け (Kaze no Uta o Kike, Wenn der Wind singt) & 
1973年のピンボール (1973-nen no Pinbōru, Pinball 1973)
Autor: Haruki Murakami 
Übersetzung: aus dem Japanischen von Ursula Gräfe 
Erscheinungsdatum:  1979&1980 (JP); 2015 (D, bei DuMont Verlag), 2018 (D, btb Verlag)
von mir rezensierte Auflage: 1. Auflage 2018 btb Verlag
Originalpreis: 12,00€ (D, btb Verlag Variante)
Verlag: DuMont; btb Verlag
Umfang / Buchart: 344 Seiten, Taschenbuch
Genre: fiktiver Roman
ISBN: 978-3-442-71744-6
Info: Bei 2 verschiedenen Verlagen in Deutschland erschienen. Die btb Variante ist eine Mini-Taschenbuchausgabe. In Deutschland sind beide Romane in einem Buch vorhanden.

Buchrücken:

">>Murakamis Geschichten sind Orte, an denen Neues beginnt, Knotenpunkte, wo sich das Gewöhnliche und das Unerhörte begegnen, wo man von der Routine ins Abenteuer umsteigen kann.<< Literarische Welt"

Beschreibung auf der ersten Buchseite:
"Nach langem Zögern hat Haruki Murakami die Bitten seiner Leser erhört und der Veröffentlichung dieser außerhalb Japans nie erschienenen Frühwerke zugestimmt, die zusammen mit >>Wilde Schafsjagd<< die Trilogie der Ratte bilden. >>Wenn der Wind singt<< folgt einem 21-Jährigen Studenten, der den Sommer 1970 in seinem kleinen Heimatort verbringt. Die Zeit vertreibt er sich mit seinem besten Freund Ratte, einem Mädchen mit vier Fingern an der linken Hand und einem Barkeeper. In >>Pinball 1973<< lebt der junge Mann drei Jahre später in Tokio, während Ratte in J.'s Bar immer noch darauf wartet, dass das Leben losgeht. Ein melancholischer, atmosphärisch dichter Roman, der zudem die wohl besten Flipperszenen der Literaturgeschichte enthält."

________________________________
Kurz über den Autor:
"Haruki Murakami, geboren 1949 in Kyoto, ist der international gefeierte und mit den höchsten japanischen Literaturpreisen ausgezeichnete Autor zahlreicher Romane und Erzählungen. Mit >>Mister Aufziehvogel<< schrieb er das Kultbuch seiner Generation. Ferner hat er die Werke von Raymond Chandler, John Irving, Truman Capote und Raymond Carver ins Japanische übersetzt." (aus dem Buch)
_________________________________
Inhaltsverzeichnis:
  1. Vorwort
  2. Wenn der Wind singt
  3. Pinball 1973
_________________________________
Vorkommende Charaktere:
Ich-Erzähler - Namenlos, Student im 1. Buch
Ratte - Bester Freund vom Erzähler
Jay - Barbesitzer
Die Frau mit den 4 Fingern an der linken Hand - Frau, die der Erzähler bewusstlos findet
Die Zwillinge - zwei Schwestern, die später beim Erzähler leben
...
_________________________________

Meine Meinung:
Das Buch unterteilt sich in ein Vorwort Murakamis und die beiden Romane "Wenn der Wind singt" und "Pinball 1973".

Der Anfang war für mich etwas diffus. Zuerst kommt ein Vorwort Murakamis, in dem er erzählt, wie er zu schreiben begann, wie er davor sein Geld verdiente, wie die beiden Geschichten entstanden, u.a. Das fand ich an und für sich ganz interessant. Als dann jedoch die erste Geschichte, 》Wenn der Wind singt《 anschließend begann, hatte ich das Gefühl, immer noch im Vorwort zu stecken. Es wirkte einfach nur wie eine Ansammlung verschiedener Gedanken: es geht über Stil, das Schreiben, einen Onkel, eine Großmutter, philosophische Gedanken und gerade als ich mich fragte, ob das ganze Buch so zusammenhanglos weiter gehen würde, setzte die Geschichte mit Ratte, von der auf der ersten Seite erzählt wird, ein. Nichtsdestotrotz ging es dann doch immer wieder so weiter: der Namenlose Ich-Erzähler berichtet von Erlebnissen mit seinem Freund "Ratte" in der Bar, wie sie sich kennenlernten, gefolgt von wieder einer Rückblende in die Vergangenheit des Erzählers. Murakami werden oft der Einsatz von surrealem, magischen oder Fantasieelementen nachgesagt, ich war mir hier manchmal nicht sicher, ob es nicht schon ausprobiert wurde (auch, wenn ich gelesen hatte, dass es hier in dem Erstlingswerk noch nicht der Fall sei). Aber es kommen immer mal wieder kuriose Sachen vor, wie z.B. das er mit Ratte mit dem Auto in einen Affenkäfig fährt, das er (der Erzähler) 14 Jahre lang nicht gesprochen hat, dann auf einmal 3 Monate lang aber ununterbrochen, dann hatte er 3 Tage lang 40 °C Fieber und danach war er "ein ganz normaler Junge". Oder aber er erzählt von Marsianern und der Venus- das ist für mich schon der Einsatz von Fantasieelementen.
 Dass Murakami das Buch lange nicht international übersetzen lassen wollte, hatte mich vor dem Lesen des Buches gewundert: Ich dachte, es gibt Inhalte, zu denen er aus heutiger Sicht vielleicht nicht mehr steht. Aber es hatte andere Gründe: Er fand seinen Stil einfach noch nicht ausgereift und empfiehlt auch, andere seiner Literatur eher als Erstlingswerk zu lesen als dieses Buch. Die vorhandenen beiden Romane hat er übrigens nachts am Küchentisch geschrieben, da er zu dem Zeitpunkt noch Barbesitzer war. Tja, ich hatte abgesehen von dem kurzen Buch "Birthday Girl"
(Link führt zu meiner Rezension hier auf dem Blog) noch kein weiteres von ihm gelesen. Das erklärt dann vielleicht meine Verwirrung über dieses vorliegende Buch. Später wurde es besser, auch wenn ich womöglich nicht alles verstanden habe, aber ich habe zumindest verstanden, was er mit seiner Zurückhaltung erreichen wollte.

Zu seinem Stil kann man in diesem Buch also sagen, er ist noch sehr experimentell, manche Sachen erinnern an kurze Erinnerungen des Erzählers und Geschichten aus seinem Alltag. Manches Mal hat er sehr interessante Vergleiche oder Beschreibungen, die mir jedoch gefielen. Zum Beispiel beschreibt er eine Frau wie  folgt: "Unter ihrer rechten Brust befand sich ein Muttermal von der Größe einer Zehn-Yen-Münze; es sah aus, als hätte sie sich mit Soße bekleckert. Unterhalb ihres Bauches sprossen muntere feine Schamhaare wie Wasserpflanzen an einem kleinen Bach." - Wer jetzt denkt oder fürchtet nach der Beschreibung, das Buch wird noch expliziter: Nein. Es ist ansonsten harmlos. Hin und wieder kommen echt interessante und schöne Beschreibungen- von Personen, Umgebungen/ Settings oder einfach einem Moment, einem Gefühl. Ich habe weiter unten bei Lieblingsstellen einiges davon zitiert. Diese Beschreibungen gefielen mir insgesamt besser als die manchmal etwas verwirrende wörtliche Rede / Gespräche der Charaktere untereinander: Manche Gespräche wirken ein bisschen seltsam in ihrer Art, enden abrupt. Z.B. sagt Ratte bei einem dieser Gespräche, er wolle einen Roman schreiben. Dann philosophieren sie ein bisschen herum, Ratte schwelgt in Erinnerungen und als der Erzähler noch einmal nachfragt, ob er versucht habe etwas zu schreiben sagt Ratte: "Nein, keine Zeile. Ich kann nicht schreiben." What?!

Auffällig in beiden Romanen ist die Namenlosigkeit: Niemand hat einen richtigen Namen, der Erzähler nicht, sein bester Freund wird nur Ratte genannt und Frauen werden nur beschrieben. Barkeeper Jay hat mal einen und es gibt eine Erwähnung einer Naoko, aber gerade letztere hat mich verwirrt, weil ich dachte, zu ihr wird noch mehr erzählt, da sie dem Erzähler wichtig schien. Selbst die Zwillinge, die der Erzähler nach Namen fragt, weichen dem ganzen aus und erhalten letztlich die Nummern auf ihren Oberteilen als "Namen".

Der Erzählstil ist abgesehen von den immer mal wieder recht kurz gehaltenen Szenen oft sehr melancholisch, manchmal wirken die Charaktere sogar emotionslos oder -leer. Für mich schwingt auch so ein bisschen eine gewisse Kleinstadtnostalgie mit, die ich persönlich aber sehr schön fand und mir so das Japan der 70er Jahre gut vorstellen konnte. Außerdem merkt man, dass Murakami international interessiert ist an Literatur und Musik: Immer wieder bringt er Autoren oder Musikstücknamen ein, schreibt etwas zu diesen und seine Gedanken dazu. 

Inhaltlich kommt so einiges vor, in beiden Büchern. Im ersten Teil u.a. kommen vor: Rattes Autounfall, Barbesuche bei Jay, eine Frau mit 4 Fingern die ohnmächtig in der Toilette der Bar liegt und die dem Erzähler immer wieder begegnet, Radioanrufe und -sendungen, Erlebnisse aus der Vergangenheit, Gespräche mit Ratte, Musik und Literatur, ehemalige Partnerinnen, Flirts und Alltag. Bei einem der Radiogeschichten gewinnt der Erzähler übrigens ein T-Shirt, das auch als einzige Grafik im Buch aufgezeichnet ist. Derek Hartfield wird als Muße bezeichnet und am Ende auch über ihn geschrieben. Die erste Geschichte endet auf Seite 158 und geht nahtlos in ein Epilog/ Nachwort über.

"Pinball 1973" spielt 3 Jahre später. Der Erzähler lebt mittlerweile in Tokio und hat mit einem Partner ein Übersetzungsbüro. Die Sicht wechselt nun zwischen ihm in der Großstadt und zu Ratte, der nach wie vor seine Zeit in der Kleinstadt verbringt. Themen sind hier u.a. das Wohnen mit den Zwillingen, kurz Naoko, Mausefallen, erzählte Geschichten, Reisen, vom Leben an der See, Kindheitserinnerungen, Nachbarn, Besuch von einem Telefongesellschaftsarbeiters, Gedanken/ philosophische Grübeleien zu alltäglichen Dingen/ dem Leben, Leere, Einsamkeit, Ängste, Flippermaschinen, Obsessionen, Verlust, Zigaretten, Meer. Bei den Geschichten mit dem Erzähler wird aus seiner Ich-Perspektive erzählt, bei denen mit Ratte aus der dritten Person. Der Stil ist dem des Vorgängerbuches ansonsten weiterhin ähnlich/gleich. Pinballmaschinen nehmen hier einen großen Teil für sich ein, da der Erzähler eine Obsession für eine von ihnen entwickelt hat. In dem Zusammenhang erfahren wir einiges dazu, z.B. war Raymond Molony der Erfinder der Pinball Maschine. Interessanter Weise spielt der Erzähler dessen Geschichte (er erfand 
1933 die Pinballmaschine) herab, er würde in einer "Abhandlung für interessierte Laien" erwähnt, und nicht einmal ein Foto sei dabei- heutzutage erfährt man mit dem Internet aber einiges mehr, wenn man googelt ;).

Es gibt in beiden Romanen keinen wirklich chronologischen Strang der Abfolge. Der Charakter fließt so dahin im Alltag, lässt sich treiben und erzählt von seinen Erlebnissen aktuell und vergangen, Erzählungen, Geschichten. Gerade zum Anfang oder der Übergang am Schluss waren da für mich schwieriger, weil ich nicht wusste: wann ist es der Erzähler, wann Murakami, der da spricht? Aber insgesamt fand ich, einmal eingelesen, das Buch dann doch auch irgendwie schon interessant. Es war nur nicht leicht zu lesen.

_________________________________
Lieblingsstellen aus dem Buch:
  • "Ich bin ein in Japan geborener Japaner, und die japanische Sprache hat mein Leben von Anfang an bestimmt. Mein ganzes System ist so vollgepackt mit japanischen Wörtern und Ausdrücken wie ein bis unters Dach vollgestopfter Schuppen. Wenn ich also die Gefühle und Bilder in mir in Worte umzuwandeln versuche, entsteht ein hektisches Kommen und Gehen, das mitunter sogar zu einem Zusammenbruch des Systems führen kann." (Murakami im Vorwort)
  • "Wenn ich in einer fremden Wohnung aufwache, komme ich mir immer vor wie in einem fremden Körper, in den man meine Seele mit Gewalt hineingestopft hat." (Wenn der Wind singt)
  • "Der Abend war schrecklich heiß. So heiß, dass man in der Luft ein Ei hätte weich kochen können. Nachdem ich die schwere Tür zu Jays Bar wie immer mit dem Rücken aufgedrückt hatte, sog ich die kühle klimatisierte Luft ein. Im Lokal roch es nach Rauch, Whiskey, Bratkartoffeln, Achselschweiß und Spülwasser. Die Gerüche überlagerten einander in Schichten wie ein Baumkuchen."
  • "Der Geruch des Meeres, den der leichte Südwind zu mir herübertrug, und des heißen Asphalts beschworen vergangene Sommer. Die warme Haut eines Mädchens, alter Rock'n'Roll, frisch gewaschene, durchgeknöpfte Hemden, der Geruch von Zigaretten in der Umkleidekabine des Schwimmbads, leichte Vorahnungen und die süßen Träume des Sommers, die sich nie erfüllten."
  • "Als die Schule zu Ende war, beschloss ich, nur noch die Hälfte von dem zu sagen, was ich wirklich dachte. Den Grund dafür habe ich vergessen, aber an diesem Einfall hielt ich jahrelang fest. Und eines Tages entdeckte ich, dass aus mir ein Mensch geworden war, der nur die Hälfte von dem sagen konnte, was er dachte."
  • "Lügen ist etwas Schreckliches. Man könnte sagen, Lügen und Schweigen sind die beiden größten Sünden der heutigen Gesellschaft. Tatsächlich lügen wir immerzu und verfallen auch ständig in Schweigen. Würden wir aber das ganze Jahr hindurch immer nur die Wahrheit sagen, würde die Wahrheit vielleicht ihren Wert verlieren."
  • "Als ich aus einem der beiden Waggons des klapprigen, verrosteten Vorortzugs stieg, wehte mir als Erstes der vertraute Grasgeruch in die Nase. Der Geruch längst vergangener Picknick-Ausflüge. Der Maiwind trug mir viele Erinnerungen aus jener Zeit zu. Spitzte ich die Ohren, hörte ich sogar das Trällern der Feldlerchen." (Pinball 1973)
  • Anscheinend hatten alle und jeder Probleme. Sie regneten geradezu vom Himmel auf uns hernieder, wir sammelten sie ein und stopften uns damit die Taschen voll. Warum wir das taten, weiß ich nicht mehr. Vielleicht hielten wir sie irrtümlich für etwas anderes."
  • "Es dämmerte, und die Straßenlaternen an der Bushaltestelle flammten auf, während die abfahrenden und ankommenden Busse sich durch den Verkehr arbeiteten wie riesige Forellen durch die Strömung."
  • "Mein Gesicht, meine Person waren für andere Menschen nicht mehr als eine leere Hülle. Ohne Bedeutung. Wir gehen aneinander vorüber. Hallo, sage ich. Hallo, antwortet der andere. Keiner hebt die Hand. Keiner dreht sich noch einmal um."
  • "Eines Tages nimmt etwas unser Herz gefangen. Es kann alles sein, jede Kleinigkeit. Eine Rosenknospe, eine verlorene Mütze, ein Pullover, den man als Kind mochte, [...] Es gibt eine ganze Liste von Winzigkeiten, von denen man nicht weiß, wohin man sie stecken soll. Zwei oder drei Tage lang beschäftigen sie uns und kehren dann dorthin zurück, wo sie hergekommen sind... in die Dunkelheit. In unseren Herzen werden ein paar Brunnen gegraben. Und Vögel fliegen über sie hinweg."

_________________________________

Fazit: 
Ein nicht ganz einfaches Buch, das eigentlich 2 in Japan erschienene Romane enthält. Es sind die Erstlingswerke Murakamis, die er noch während seinem alten Job "nebenbei" schrieb, in denen er sich schriftstellerisch ausprobierte und wo sein Stil dementsprechend noch nicht ausgereift war. Sie enthalten verwundernde, seltsame Handlungen/Ereignisse oder Gespräche, andererseits aber schöne, nostalgische Settingbeschreibungen, die mir wiederum sehr gefallen haben. Gefühlt alles mögliche wird im Roman angesprochen und es hat durchaus auch etwas philosophisches hier und da. Die Charaktere dagegen bleiben oft unerreicht, geheimnisvoll oder auch verwirrend.

🖝 Hier geht es zurück zu meinen Buchrezensionen: Japan Buchtipps
 

_______________________
* Unbezahlte Werbung / selbst getestet & selbst gekauft. 

Kommentare