"Der Maler der fließenden Welt" - Buchrezension

Allgemeine Infos:
Titel: "Der Maler der fließenden Welt"
Originaltitel: "An Artist of the Floating World"
Autor: Kazuo Ishiguro
Übersetzung: Aus dem Englischen von Hartmut Zahn
Erscheinungsdatum:  Original: 1986 (Eng), Deutschland: erstmals 1999 beim Klett-Cotta Verlag, 2001 beim btb Verlag, 2016 Heyne Verlag, Rowohlt Verlag (Jahr mir unbekannt), 2021 beim Blessing Verlag
von mir rezensierte Auflage: Heyne Verlag, 2. Auflage 2016
von mir rezensierte Auflage: Heyne Verlag, 2. Auflage 2016
Originalpreis: 9,99€ (D)
Verlag: Heyne Verlag (meine Version)
Umfang / Buchart: 272 Seiten, Paperback/Taschenbuch-Umschlag
Genre: historischer, fiktiver Roman
ISBN: 978-3-453-42158-5
Info: Das Buch ist auch noch bei anderen Verlagen / mit anderen Covern erschienen.


Buchrücken:

"Das Portrait eines Künstlers als alter Mann, der mit seiner politischen Vergangenheit und dem Anbruch einer neuen Zeit ringt.
Der Maler Masuji Ono hat in den Dreißigerjahren mit seiner regimetreuen Kunst Karriere gemacht. Nach Japans Niederlage im Zweiten Weltkrieg ist sein Patriotismus anrüchig geworden und sein Name in Verruf geraten. Schließlich wird Onos einstige Gesinnung sogar zur Belastung für die Familie, denn seine heiratsfähige Tochter gilt nun als schlechte Partie. Gesellschaftlich ins Abseits geraten, kommt Onos altbewährter Verdrängungsmechanismus zum Erliegen und er muss, wie das ganze Land, zu einer neuen Haltung finden.
>>Voller Weisheit und wunderbar zu lesen.<< THE TIMES LITERACY SUPPLEMENT"

Beschreibung auf der ersten Buchseite:
"In den Dreißigerjahren hat der Maler Masuji Ono seine Kunst in den Dienst der japanischen Expansionspolitik gestellt. Nach dem Krieg ist sein damaliger Patriotismus anrüchig geworden. Als seine Tochter heiraten will, wird seine politische Vergangenheit sogar zur Belastung für die Familie: Die junge Frau gilt aufgrund der ehemals faschistischen Haltung ihres Vaters und dessen Tätigkeit als Informant der Staatspolizei als keine gute Partie. Seine gesellschaftliche Diskreditierung veranlasst Ono zu einer Lebensbeichte, die ein heilloses Geflecht aus Schuld und Irrtum offenbart und den schmerzhaften Läuterungsprozess beschreibt. 
Kazuo Ishiguros eindringlicher, meisterhaft erzählter Roman über einen Künstler, der mit seiner Vergangenheit ringt, lässt das vom Krieg zerrüttete Japan der Nachkriegszeit wieder aufleben; ein Land im Umbruch, in dem verschiedene Lebensweisen um die Vorherschafft kämpfen, und ein Volk, das nach einem neuen Lebenssinn sucht."

_________________________________
Kurz über den Autor:
"Kazuo Ishiguro, geboren 1954 in Nagasaki, kam 1960 nach London, wo er Englisch und Philosophie studierte. 1989 erhielt er für den Weltbestseller Was vom Tage übrig blieb, der von James Ivory verfilmt wurde, den Booker Prize. Kazuo Ishiguros Werk wurde bisher in 28 Sprachen übersetzt. Sein Roman Alles, was wir geben mussten wurde mit Keira Knightley in der Hauptrolle verfilmt. Kazuo Ishiguro lebt in London." (aus dem Buch) 2017 erhielt er den Nobelpreis für Literatur.
_________________________________
Vorkommende Charaktere:
Masuji Ono - Maler, um den es geht
Akira Sugimura - Hausvorbesitzer Onos
Setsuko - ältere von Masujis Töchtern, bereits ausgezogen
Noriko - jüngere von Masujis Töchtern, wohnt noch bei ihm
Ichiro - Sohn von Setsuko
Suichi - Mann von Setsuko
Frau Kawakami - Besitzerin einer Bar
Shintaro - ehemaliger Schüler Onos
Kuroda - ehemaliger Schüler Onos
Matsuda - Angestellter der Okada-Shingen-Gesellschaft, die Ausstellungen für aufstrebende Künstler organisierte
Meister Takeda - ehemaliger Meister von Ono
Seiji Moriyama (Mori-san) - ehemaliger Meister von Ono
Familie Miyaki - Familie, mit der zuerst Hochzeitsverhandlungen um Noriko stattfanden
Herr Kyo - Miai-Vermittler der Onos
Familie Saito - in Hochzeitsverhandlung mit Onos Tochter Noriko
"Schildkröte" - ehemaliger Kollege Onos
...
_________________________________

Meine Meinung:
Zum Inhalt: Masuji Ono genießt seinen Ruhestand als ehemaliger Künstler und erzählt aus der Ich-Perspektive im Buch von seinem Leben nach dem 2. Weltkrieg. Außerdem nimmt er uns mit in seine Erinnerungen an Früher. Er beschreibt sein Anwesen und welchen Schaden es im Krieg genommen hat, was sich in der Stadt alles verändert seit dem Krieg, von Gebäuden die noch stehen bis zu Abrissen und seine Erinnerungen an Früher. Er erzählt von aktuellen Besuchen seiner erwachsenen Tochter Setsuko und ihrem aufgeweckten Sohn -seinem Enkel- Ichiro. Sowie von seiner jüngeren, ebenfalls erwachsenen Tochter Noriko, die es versteht, mehr als einmal gegen ihren Vater zu sticheln. Norikos arrangierte erste Verlobung ist geplatzt und Noriko entsprechend aufgeregt vor einer weiteren, während Setsuko ihrem Vater beiläufige Spitzen und Vorwürfe setzt, dass die Vergangenheit des Vaters Schuld daran sein könnte. Ono begibt sich auf die Suche nach alten Bekannten, damit diese wohlwollend für ihn aussagen, sollte die Familie von Norikos neuem Verlobten sich "weitere Erkundungen" einholen.

Lange Zeit saß ich als Leser da und dachte mir: was genau hat der Mann nun eigentlich getan?! Die Buchrückseite spricht immerhin davon, dass er "mit seiner politischen Vergangenheit" ringe. Auch die erste Buchseite wird da sehr deutlich. Lange jedoch wird dies nur dezent im Buch in Gesprächen angedeutet. Erst mit der Zeit kommen Personen vor, die sich wünschen, er würde Dinge aus der Vergangenheit "richtig stellen" oder, die keinen Kontakt zu ihm wollen. Ono gibt Schritt für Schritt mehr Einblicke in seine Vergangenheit und erzählt von seinem Leben als junger Künstler, dem damaligen Alltag & Gedanken von sich und seinen Künstlerfreunden bis hin zu Bildern, die einen Kollegen dazu verleiten, ihn entsetzt als "Verräter" zu bezeichnen. Dem Buchrücken nach hätte ich auch gedacht, dass Ono mehr mit seiner Vergangenheit ringt oder krasser von anderen verstoßen wird oder dergleichen, allerdings fand ich seine Ansichten oftmals eigentlich gar nicht so schlecht reflektiert: während andere ihn bitten, sich von diesem oder jenem aus der Vergangenheit zu distanzieren oder etwas klar zu stellen, bleibt Ono bei seiner Meinung: er sieht aus heutiger Sicht ein, dass das ein oder andere in der Vergangenheit heute gesehen fragwürdig oder nicht mehr in Ordnung ist, stellt aber auch klar, dass er dazu steht, damals eben so und so gedacht zu haben. Mit dieser Meinung macht er sich nicht nur Freunde, auch unter seinen Töchtern nicht. Mit denen gerät er sowieso öfters aneinander, auch, was die Erziehung etwa von Enkel Ichiro betrifft.

Ono erzählt nicht nur von der Gegenwart, sondern schweift auch mal in Erinnerungen ab. Dadurch erfahren wir mehr von seiner Vergangenheit als Künstler-Schüler und späterer -Lehrer. Auch von seiner Kindheit spricht er und davon, wie sein Vater versuchte zu verhindern, dass er Künstler werden wollte.
Manchmal schweift er innerhalb seiner Erinnerung von einer zur anderen und sagt sowas wie 'aber ich bin abgekommen' und geht zur ursprünglichen Erinnerung zurück. Interessant ist dann, dass er dann auch zugibt, wenn Erinnerungen nicht mehr ganz frisch sind und er glaubt, dass sein Gesprächspartner damals das und das gesagt hat, aber auch zugibt, es könnte anders gewesen sein. Das finde ich ziemlich realistisch, denn wer kennt es nicht auch: man erinnert sich an manche Gespräche aus der Vergangenheit nur vage und glaubt dann, es könnte sowas oder sowas gesagt oder getan worden sein? Beispiel: "Es ist natürlich möglich, dass Mori-san nicht genau diese Worte wählte [...]", "Doch ich will gerecht sein und einräumen, dass sie sich vielleicht nicht so hart ausdrückte."
Hin und wieder spricht Ono den Leser des Buches direkt an. Meistens geht es dabei um Ortsbeschreibungen. Beispiele: "Gehst du an einem sonnigen Tag den steilen Pfad hinter der Brücke hinauf[...]", "Vielleicht stimmst du mir zu, dass der Kawabe-Park von allen städtischen Anlagen die angenehmste ist", "Während ich dies erzähle, ist mir klar, dass Mori-sans Verhalten dir irgendwie arrogant vorkommen könnte", "Aus solchen Erinnerungen folgerst du zu Recht, dass [...]"

Im Buch fällt nicht einmal der genaue Ortsname, wo das Buch spielt. Ich habe gelesen, es soll an Kobe oder Nagasaki erinnern, mich selbst hat es aber auch an Tokyo erinnert. Diese vage Formulierung soll eine allgemeine Atmosphäre des Nachkriegsjapan schaffen, geprägt von Wiederaufbau, gesellschaftlichen Umbrüchen, der Auseinandersetzung mit Vergangenheit, der eigenen Haltung und der Frage nach Schuld.

Ich finde, nachdem ich mich erstmal eingelesen hatte, die damalige Zeit und die Gefühle der Menschen wird gut eingefangen. Ono sieht sich verschiedener Erwartungen anderer ausgesetzt, seine Frau und Sohn sind im Krieg umgekommen, und er hat verschiedene Rollen: ehemaliger Künstler, Schüler und Lehrer; aber auch Vater und Großvater. Die Meinungen oder auch Verhalten seiner Töchter fand ich manchmal ganz schön fies, andererseits schenken sie sich gegenseitig auch nichts, wenn Ono sich etwa mit seinem Enkel verschwört und Frauen als ängstlich oder ohne Verständnis abgetan werden: "Unsinn oder nicht- ich habe es mir genau überlegt. Ihr Frauen bringt manchmal nicht genug Sympathie für das auf, worauf ein Junge stolz ist." Man muss sich eben sagen, dass es eine andere Zeit damals war und vor Augen führen, dass Japan selbst heutzutage was Emanzipation betrifft, nicht gerade führend ist. 
Zeitlich beginnt das Buch im Oktober 1948 und geht dann einige Jahre weiter.

Was mich gestört hat am Buch, war rein übersetzungstechnisch. Also nicht die Übersetzung an sich, eher die Grammatik / Satzzeichensetzung. In den ersten 33 Seiten hab ich schon 4 Fehler (vertauschte oder fehlerhafte Satzzeichen, Leerzeichen oder Buchstaben) gefunden, 10 Seiten weiter waren wir bei um die 10 oder mehr Fehler und das restliche Buch über ging es so weiter. Selbst auf der Beschreibung auf der ersten Seite fehlten 2 Leerzeichen nach einem Punkt (Habe ich oben allerdings korrigiert für euch). Es waren nur kleine Fehler oftmals, aber auch das stört mich sehr, weil ich mich dann immer frage: liest das keiner Korrektur, fällt das keinem auf? Wenn aus einem "Miai", einem arrangierten Hochzeitstreffen, etwa ein "Midi" wird oder eine wörtliche Rede am Ende kein " hat, kann da schnell was anderes daraus entstehen. 

Ich fand das Buch, entgegen der ein oder anderen Meinung im Netz, weder schwer zu lesen, noch langweilig. Im Gegenteil, am Anfang brauchte ich meine Zeit, mich 'einzulesen', aber kaum war das fein, konnte ich das Buch überall lesen, sogar in den Öffis. Da hatte ich schon viel schwerer lesbare Bücher. Und langweilig fand ich es auch nicht. Vielleicht ist es nicht jedermanns Thema, aber ich fand den Umgang mit dem Thema interessant: Einerseits der Rückblick eines alten Mannes auf sein Leben, seine Erinnerungen, seine Gegenwart und Probleme und Veränderungen. Und eben Japan nach dem Krieg, aber auch das Beschreiben das Leben als Künstlers und welchen Zweck und welche Wirkung und Haltung Kunst haben kann. Besonders interessant ist der Mentalitätswechsel, etwa wenn nach dem Krieg alles von vor dem Krieg verpönt ist. Dann macht Ono sich beispielsweise unbeliebt wenn er Gedanken äußert wie: Ist es wirklich richtig, in einer Firma die Chefetage komplett auszutauschen mit jüngeren Kollegen, nur weil die älteren sich während des Kriegs patriotisch geäußert haben?
Das Buch gefiel mir rein von der Logik her auch viel besser als sein von mir zuvor rezensiertes Werk "Als wir Waisen waren" (Link führt zum entsprechenden Blogeintrag hier). Ich konnte oft Ono gut verstehen, der sein früheres Handeln und Denken kritisch betrachtet, aber auch verteidigt. Gerade sein Satz "Ich wäre der Erste, der zugibt, dass jetzt viel Altes und Überholtes für immer ausgemerzt werden muss, aber meinst du nicht auch, das mit den schlechten Dingen manchmal auch ein paar gute weggeworfen werden?" erinnerte mich sehr an Aussagen und Gedanken von Menschen aus der ehemaligen DDR. Ich finde, Ishiguro hinterfragt in diesem Buch mit seinem Charakter das kollektive Denken und gibt zu bedenken, dass nicht immer alles nur schwarz oder weiß, sondern manchmal auch einfach grau ist. Auf dem Buchrücken dagegen klingt es eher, als würde der Maler Ono absolut uneinsichtig für Fehler der Vergangenheit sein und mit der neuen Welt gar nicht zurechtkommen. Ich weiß nicht, ob ich dann nicht gut genug war, zwischen dein Zeilen zu lesen, oder: ob die Beschreibung des Buches einfach nicht ganz so gut zu dem Inhalt passt. 

Die Töchter waren für mich die am Schwierigsten zu verstehenden Charaktere. Bei der jüngeren Tochter Noriko wusste ich ihre Gründe für ihre verbitterte, strenge Art ihrem Vater gegenüber oft nicht zu deuten und bei der Älteren, Setsuko, wusste ich am Ende des Buches ihren Sinneswandel nicht zu verstehen/ nachvollziehen. Sie hat ihre Meinung um 180 Grad quasi gedreht und ich stand ehrlich gesagt wie Ono dumm da und wusste nicht, was sie damit bezweckt.

Ich hätte mir auch gerne noch mehr aus seiner Zeit, seiner Rolle während des Krieges oder als Lehrer gewünscht zu lesen. Genauere Einblicke in seine Verfehlungen, wie sie mir auf dem Buchrücken angekündigt wurden. Stattdessen bleibt das dann doch eher vage & angedeutet und hätte für mich noch tiefblickender sein dürfen. Leider ist das Buch in der deutschen Übersetzung auch ohne Nachwort (weiß nicht, ob das Original eins hat), ich hätte gern noch mehr vom Autor zum Thema gehört- seine Einordnung, Rechercheinfos etc.

_________________________________
Eine Stelle aus dem Buch:
  • "[...] Und ich kann auch nicht behaupten, ich hätte mich hinsichtlich meiner Vergangenheit genauso bereitwillig zu einer Erklärung herbeigelassen, hätten mir die Umstände dies nicht nahegelegt. Dem muss ich noch hinzufügen, dass ich kaum verstehe, wie ein Mann mit Selbstachtung wünschen kann, sich längere Zeit der Verantwortung für seine in der Vergangenheit begangenen Taten zu entziehen. Sicher, es ist nicht immer leicht, aber zweifellos liegt eine gewisse Würde und Genugtuung darin, mit den Fehlern ins Reine zu kommen, die man im Verlauf eines Lebens gemacht hat. Im Übrigen muss man sich wohl nicht übermäßig jener Fehler schämen, die man in bestem Glauben begangen hat. Mit Sicherheit ist es viel beschämender, seine Verfehlungen nicht zugeben zu wollen oder zu können."
  • "Ich wäre der Erste, der zugibt, dass jetzt viel Altes und Überholtes für immer ausgemerzt werden muss, aber meinst du nicht auch, das mit den schlechten Dingen manchmal auch ein paar gute weggeworfen werden? Auf mich wirkt Japan, um ehrlich zu sein, bisweilen wie ein kleines Kind, das von einem fremden Erwachsenen lernt."

_________________________________

Fazit: 
Das Buch gibt Einblick in Japans Nachkriegszeit und, wie Meinungen sich wandeln können: Was einst gewollt und später verpönt ist. Hier bekommt ihr nostalgische Stimmungen, Veränderung und Wiederaufbau, Einblick in gesellschaftliche Umbrüche & eine Auseinandersetzung mit Vergangenheit, Schuld(gefühl), Stolz, Patriotismus, Fehlerfreundlichkeit, eigenständigem Denken, das Altern und Familienleben, und die Bedeutung von Kunst. Allerdings wird vieles nur angedeutet, so konkret wie auf Buchrücken oder erster Seite und (wie ich es mir erhofft hätte) wird es oft nicht. Ich hoffe auch, dass spätere Auflagen oder Veröffentlichungen bei anderen Verlagen weniger Schreibfehler als meine Auflage besitzen.


🖝 Hier geht es zurück zu meinen Buchrezensionen: Japan Buchtipps
 

________________________
* Unbezahlte Werbung / selbst getestet & selbst gekauft. 

Kommentare