"Heaven" - Buchrezension

      

Allgemeine Infos:
Titel: "HEAVEN"
Originaltitel: ヘヴン
Autor: Mieko Kawakami
Übersetzung: Aus dem Japanischen von Katja Busson
Erscheinungsdatum:  2021 (D), 2009 (JP)
von mir rezensierte Auflage: 2. Auflage 2023
Originalpreis: 13,00€ (D)
Verlag: DuMont Verlag
Umfang / Buchart: 190 Seiten, Paperback/Taschenbuch-Umschlag
Genre: Roman, Coming-of-Age-Fiktion
ISBN: 978-3-8321-6646-5
Info: 2010 gewann dieses Buch in Japan den Murasaki-Shikibu-Preis
Triggerwarnung: Mobbing, physische & psychische Gewalt/Übergriffe/Folter, Suizidgedanken 

Buchrücken:

">>Einfühlsam, aber niemals sentimental. >Heaven< ist ein packender und zugleich tief erschütternder Roman.<< WDR5 Bücher
Sie sind beide Außenseiter und Mobbing-Opfer: der vierzehnjährige namenlose Ich-Erzähler und seine Klassemkameradin Kojima. Als Kojima beginnt, Nachrichten zu schreiben, entwickelt sich ein Dialog zwischen den beiden, entsteht etwas Schönes. Bald jedoch wird diese Freundschaft auf eine harte Probe gestellt.
In ihrem fesselnden Roman erzählt Mieko Kawakami die Geschichte zweier Jugendlicher, die anders sind, in einer Gesellschaft, die kein Anderssein erträgt, und stellt damit abermals ihr schriftstellerisches Talent unter Beweis.
Shortlist
International Booker Prize"

Beschreibung auf der ersten Buchseite:
"Der vierzehnjährige namenlose Ich-Erzähler lebt ein einsames Leben bei seiner Stiefmutter - sein Vater fällt vor allem durch Abwesenheit auf. Von seinen Mitschülern wird er unerbittlich gequält, weil er eine Fehlstellung der Augen hat. Anstatt sich zu wehren, resigniert er und leidet stumm. Eines Tages findet er eine Nachricht in seinem Federmäppchen: >>Wir gehören zur selben Sorte.<< Es folgen weitere Botschaften; plötzlich ist da jemand, der ihn nach seiner Lieblingsfarbe fragt, nach seiner Leibspeise, der das Wetter kommentiert. Bald stellt sich heraus, dass die Nachrichten von seiner Klassenkameradin Kojima kommen, die selbst gemobbt wird. Die beiden Jugendlichen finden Trost  in der Gesellschaft des anderen, doch ihre Freundschaft bleibt von ihren Peinigern nicht unbemerkt. Vielschichtig, fesselnd, philosophisch - mit ihrem Roman >Heaven< unternimmt Mieko Kawakami eine literarische Tour de Force und erzählt von Einsamkeit und Ausgrenzung, von Gewalt und Hilflosigkeit, aber auch von Freundschaft, Hoffnung und dem Mut der Verzweifelten."

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Kurz über die Autorin:
"Mieko Kawakami ist die Autorin des internationalen Bestsellers >Brüste und Eier< (DuMont 2020), der von der New York Times zu einem der bemerkenswertesten Bücher des Jahres gekürt und vom TIME Magazine unter die besten zehn Bücher von 2020 gewählt wurde. Geboren in Osaka, debütierte Kawakami 2006 als Lyrikerin und veröffentlichte im Folgejahr ihren ersten Roman >My Ego, My Teeth, and the World<. Mit >Heaven< schaffte sie es auf die Shortlist des International Booker Prize. Ihre Bücher wurden mit zahlreichen rennomierten Literaturpreisen ausgezeichnet, darunter der Akutagawa-Preis und der Tanizaki-Preis. Sie lebt in Tokio, Japan." (aus dem Buch)
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Vorkommende Charaktere:
Namenlose Ich-Erzähler: 14 Jahre alt, wird "Schielauge" von den anderen gerufen 
Kojima - Klassenkameradin vom Erzähler
Ninomiya - Klassenkamerad, Mobber
Momose - kKlassenkamerad, Mobber
"Meine neue Mutter" - Stiefmutter des Erzählers, zog ein als er 7 war
Sein Vater - ist so gut wie nie Zuhause
...

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Meine Meinung:
Das Buch ist zwar von 2009, spielt aber 1991, wie man erst im Verlaufe der Geschichte erfährt. Das macht jedoch nichts, da es genauso gut auch in der heutigen Zeit noch spielen könnte. Es handelt von einem Jungen, dem namenlosen Ich-Erzähler, der in der Schule unter anderem wegen der Fehlstellung seiner Augen gemobbt wird; und von seiner Klassenkameradin Kojima, die ebenfalls nicht gut bei den anderen ankommt: die anderen Mädchen halten sie für ungepflegt, schmuddelig und arm. Irgendwann ergreift Kojima die Initiative und schreibt dem Jungen Briefe, immer wieder, bis sie ihn bittet, sich mit ihr zu treffen. Zuerst glaubt er, es könnte sich um eine Falle handeln. Schließlich ringt er sich durch, doch zu dem Treffen zu gehen und ist überrascht, schließlich Kojima aus seiner Klasse anzutreffen. Es kommt zu einem kurzen Gespräch & es entspinnt sich fortan ein kleiner Zettel-Briefverkehr, die sie sich gegenseitig immer unter die Schulbänke kleben. Kurze Nachrichten mit harmlosen Themen. Das Mobbing der beiden ist nie darin Thema. Schließlich unternehmen sie zusammen auch einen Ausflug zu einem Museum, in dem "Heaven", das Lieblingsbild von Kojima und Titelgeber des Romans, hängt. Mit der Zeit schreiben und treffen sie sich mehr und der Erzähler fühlt sich das erste Mal freundlich behandelt & verstanden von jemandem. In der Schule reden sie zwar nicht miteinander, allerdings bekommen sie voneinander in der Klasse auch so die Misshandlungen und Mobbing des anderen mit..

Er äußert seine Gedanken über sein Mobbing immer mal wieder im Buch. Zum Beispiel, als er im Fernsehen vom Selbstmord eines Schülers wegen Mobbing hört. Dann fragt er sich, ob ihm das auch bevorsteht. Später hat er im Buchverlauf auch konkretere Selbstmordvorstellungen, weshalb ich noch einmal darauf hinweisen möchte, dass das Buch nicht für jedermann lesbar sein wird. Solch sensible Themen und eben das Mobbing, was immer gewaltvoller wird, kommen immer wieder vor.

Es ist fast schon niedlich und doch hauptsächlich verzweifelt, wie die beiden Erklärungen für das Mobbing für sich finden. Wie Kojima versucht es so zu sehen, als wären sie beide quasi erleuchtet und die anderen sähen es nur noch nicht. Die gegenseitige Fürsorge und Verbindung ist anfänglich wirklich niedlich, gerade, als sie ihren ersten gemeinsamen Ausflug zusammen ins Museum machen. Und doch hat es immer mehr im Verlauf etwas Verzweifeltes. Man spürt das nächste Unheil mit fortschreitenden Lesefluss und Veränderung der Charaktere quasi herannahen. Man fürchtet als Leser immer mehr das Schlimmste. Man möchte gern die Eltern, die Lehrer nehmen, schütteln und sagen: Sieh genauer hin! Und doch wird es nicht unrealistisch. Genau so oder anders grausam geschieht weltweit Mobbing.
Ich habe im Internet Kommentare zum Buch gelesen wie: "Warum lassen die beiden das mit sich geschehen?" Oder: "Warum vertrauen sie sich niemandem an?"- Ja, das mag man vielleicht zuerst denken aber: das sind häufig die Gedanken und Fragen Erwachsener. Vielleicht, nur wer selbst als Kind oder Jugendlicher Mobbing in der Schule erlebt hat, kann es nachvollziehen: es kommt immer viel zusammen und es gibt oft mehrere Gründe, sein Mobbing nicht anzusprechen: Man schämt sich, man traut sich nicht aus Angst vor Konsequenzen, aus Angst, das einem nicht geglaubt wird. Zumal als Jugendlicher nicht bei allen schon das gleiche Selbstvertrauen entwickelt ist, wie man es später als Erwachsener (vielleicht) hat. Es gibt immer extrovertierte, aber auch introvertierte, schüchterne Charaktere, die sich eben nicht trauen, sich zu wehren. In dem Sinne fand ich das Buch sehr realistisch, sehr wahr erzählt. Ich konnte selbst ganz oft nachvollziehen, wie die Charaktere sich fühlen (auch, wenn ich Mobbing nie selbst in diesem krassen Ausmaß erlebt habe).

Die beiden sind auch so ziemlich auf sich allein gestellt. Der Vater des Jungen ist so gut wie nie zu Hause, die Stiefmutter ist nur oberflächlich an Gesprächen interessiert und lässt sich auch ziemlich schnell mit Lügen vertrösten (Das Ausbleiben von Eltern oder Problemen mit diesen ist häufig Themen in Kawakamis Romanen). Allerdings gefällt mit die Mutter zum Ende des Buches hin. Die Lehrer an der Schule scheinen sich auch nicht groß zu interessieren, zumindest werden sie kaum erwähnt und wenn, kann der Erzähler sich schnell mit einer Ausrede herauswinden. Was Kojimas Familie sagt zu ihrem Aussehen, wird nicht erwähnt.
Der Knackpunkt in der Story war meiner Meinung nach die Szene in der Turnhalle. Ab da ändert sich die Geschichte, ab da ändern sich sowohl Kojima, als auch der Erzähler und die Geschichte nimmt eine andere Fahrt auf. 
Neben Ninomiya, der irgendwie ein klassischer Mobber zu sein scheint, war ich auch gespannt, was es mit dem Charakter Momose auf sich hat, der beim Mobben zwar immer dabei, aber nie wirklich beteiligt ist. Ich war schließlich geschockt, als Momose und der Erzähler sich unterhalten und Momose seine Begründung für das Mobbing lieferte. Dazu will ich nicht groß spoilern, nur soviel: Bisweilen fand ich seine Erzählung oder eher seine Äußerungen da etwas zu hoch oder vielschichtig für einen 14-Jährigen; ich verstehe was die Autorin damit bezweckt zu sagen, fand jedoch, dass das wie gesagt zu hoch oder weit gedacht erklärt von ihm war. Ich mag nicht unterstellen, dass es auch 14-Jährige schon mit solchen philosophischen Gedanken und Erklärungen gibt. Aber irgendwie fand ich es eben hier zu hoch, was jetzt aber nicht die Geschichte negativ beeinflusst und dennoch passt.
Auch finde ich, die Entwicklung von Kojima und ihre Beziehung zum Erzähler irgendwie schade für ihn; andererseits ist es auch interessant: Sie provoziert schließlich bewusst ihre Mobber zum Mobbing durch ihre Äußerlichkeiten, setzt den vermeintlich Stärkeren ihre eigene Schwäche vor die Nase (nur weiß davon außer dem Erzähler leider niemand, denn die anderen Kinder verstehen nicht, was sie bezweckt). Er sieht sie zwar als einzigen richtigen Freund, den er je hatte, aber letztlich finde ich, ist er doch recht unverstanden geblieben. Ich hätte gern gewusst, wie es quasi weitergeht. Aber darum ging es der Autorin wahrscheinlich nicht; wahrscheinlich wollte sie mehr die Dynamik der Schüler untereinander und das Mobbing thematisieren als zu zeigen, wie man letztlich daraus hervorgeht. Dennoch finde ich das Ende versöhnlich, da viele Personen auf ihn einreden die ganze Geschichte über, er letztlich sich aber einmal bewusst selbst für etwas entscheidet und seinen eigenen Weg (beginnt) zu gehen.


Schön sind übrigens neben der fesselnden Geschichte an und für sich außerdem im Buch die Beschreibungen des Wetters oder der Jahreszeiten. Man spürt quasi die Schwüle im Sommer und sieht die Hemden verschwitzt ankleben oder hat die herabfallenden Blätter im Herbst vor Augen. Kawakami hat auch hier wieder um ihre Charaktere herum ein Blick auf deren Umwelt und einen Blick für Details, wie etwa Kojimas Katzenbeutel und solche Dinge. Interessant finde ich auch wie sie die Geschichte schreibt, ohne den Namen des Erzählers, des Hauptcharakters, jemals zu nennen.

Das ist das zweite Buch von Mieko Kawakami, das ich lese (nach "Brüste und Eier" [Link führt zu meiner Rezension auf diesem Blog]) und wieder muss ich sagen, hat mir der Schreibstil sehr gefallen. Es liest sich gut, flüssig. Die Charaktere sind erneut nicht perfekt, mit kleinen oder großen Macken, was sie so lebendig macht und sie entsprechen erneut Außenseitern in der Gesellschaft. Das Thema ist dieses Mal ein ganz anderes, aber wieder ist das Buch Gesellschaftskritisch, wieder gibt es einem zu denken und stellt sogar philosophische Fragen: Was ist Recht und Unrecht? Wieso geschieht Unrecht überhaupt? Ist überhaupt etwas dran an dem Spruch "Was du nicht willst, was man dir tu..?" oder lebt jeder in seiner ganz eigenen Welt? Macht Schwäche stark? Es gibt so vieles, über das die Charaktere im Buch und damit schließlich auch der Leser nachdenkt.

Das Cover finde ich übrigens auch interessant, weil es wirkt, als wäre es aus einem Film. Die beiden Teenager sitzen mit teilnahmslosen Blicken nah beieinander- scheinbar die beiden Hauptcharaktere. Allerdings fehlen mir auf dem sonst so guten Cover die entscheidenden Merkmale, es ist mir zu "sauber": Kojimas Kleidung müsste abgenutzter aussehen, sie insgesamt ungepflegter im Gesicht und den Haaren, denn immer wieder beschreibt der Erzähler im Roman, wie ihre Haare nach allen Seiten abstehen. Bei dem Jungen dagegen sieht man nicht das ganze Gesicht, aber es sieht nicht danach aus, als ob er schielt. Außerdem fehlt seine Brille. Eine interessante Coveridee, die leider nicht bis zur Perfektion ausgeführt worden ist, was sich leicht aber hätte machen lassen können. 

Was mich dagegen erneut genervt hat: in der deutschen Übersetzung wieder die Rechtschreibfehler. Es war jetzt nicht so schlimm wie bei Brüste und Eier, wo ich allein in meiner Ausgabe aus der 3. Auflage über 20 Stück gefunden habe. Das war hier nicht der Fall, da waren es "nur" eine Hand voll. Aber trotzdem hat es mich gestört, weil ich mich langsam frage, an wem das liegt. An der Übersetzung? Am Verlag? Gibt es keine Korrekturlesung? Denn Übersetzerin und Verlag sind wieder die gleichen wie Kawakamis anderes Buch. U.a. gab es wieder Wörterdrehs ("Freue mich deine auf Antwort"), Falsche Wortanwendung ("sondern bleibt man damit" statt "sonst bleibt man damit"), zu viel Wörtern im Satz ("Mit in der Hand in die Haare" statt "Mit der Hand in die Haare"), Wortmischungen ("Nicht kennten" - nicht kannten oder nicht kennen?). Interessant ist auch, dass O-Bon wahrscheinlich mit Allerseelen übersetzt worden ist. Das ist per se nicht falsch, aber irgendwie auch nicht das Gleiche; ich persönlich hätte es nicht übersetzt und mag es, wenn japanische Wörter so gelassen werden, wenn es nicht unbedingt nötig ist (O-Bon und Allerseelen dienen zwar beide dem Gedenken der Toten, jedoch wird dies unterschiedlich entsprechend der verschiedenen Kulturen gefeiert. In Deutschland kennt zudem auch nicht jeder Allerseelen als Feiertag und dessen Bräuche).

Übrigens: ich könnte mir dieses Buch sehr gut als Literatur in der Schule vorstellen. Das Buch ist nicht dick oder lang, ist alterstechnisch genau am Schulthema dran und behandelt ein wichtiges Thema, wie es leider nach wie vor in Schulen stattfindet.

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Eine Stelle aus dem Buch:
  • "Ich bin aus Angst eigentlich immer in Alarm. Zu Hause, in der Schule. Aber manchmal gibt es auch gute Momente, jetzt zum Beispiel, wenn ich mich mit dir unterhalte oder wenn ich dir schreibe. Das sind gute Momente. Momente, in denen ich mich sicher fühle. Momente, die mich glücklich machen. Aber weder diese Glücksmomente noch der Alarm, in dem ich mich zumeist befinde, ist der Normalzustand, sie sind die Ausnahme... will ich wenigstens glauben... Mein Leben soll doch nicht nur aus Alarm und ab und zu ein bisschen Glück bestehen. Meine Norm soll weder Glück noch Alarm sein, sondern der Zustand dazwischen."

  • "Nein. Wir gehorchen nicht, weil wir schwach sind. Anfangs vielleicht schon, aber jetzt nicht mehr. Wir nehmen es an. Wir verstehen, was sich abspielt, und wir nehmen es an. Wir sind, wenn du es so willst, stark. [...]"

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Fazit: 
Ein sehr eindringliches, sensibles Buch zum Thema Coming-of-Age und vor allem Mobbing, Einsamkeit, Schwäche und Stärke. Erneut wird Mieko Kawakami gesellschaftskritisch in einem Werk und richtet den Blick hier erneut auf vermeintliche Außenseiter, die nicht der Norm entsprechen. Philosophisch und nachdenklich, aber sicher nicht für jedermann- wer nicht mit dem Thema Mobbing, Übergriffen, physischer und psychischer Gewalt und dem Nachdenken über Selbstmord umgehen kann, der sollte dieses Buch lieber nicht lesen.


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