
Titel: "All die Liebenden der Nacht"
Originaltitel: Subete mayonaka no koibitotachi (すべて真夜中の恋人たち)
Autor: Mieko Kawakami
Übersetzung: Katja Busson
Erscheinungsdatum: 2023 (D), 2011 (Jp)
von mir rezensierte Auflage: Erste Auflage 2023
Originalpreis: 24,00€ (Hardcover) (D)
Verlag: DUMONT Verlag
Umfang / Buchart: 237 Seiten, Hardcover-Umschlag
Genre: gesellschaftskritischer/psychologischer Roman
ISBN: 978-3-8321-8229-8
Info: Auch als Taschenbuch und E-Book erhätlich.
Triggerwarnung: Einsamkeit, Vergewaltigung, Alkoholismus
Buchrücken:

">>Mieko Kawakami wächst und entwickelt sich unaufhörlich weiter.<< Haruki Murakami
Ich frage mich, warum es nachts so schön ist.
>>Weil die Welt nachts nur noch zur Hälfte existiert<<, sagte Herr Mitsutsuka einmal. >>Im Dunkeln strengt der Rest der Welt sich doppelt an, deshalb ist das Nachtlicht so schön.<<
Fuyuko ist Mitte dreißig, freiberufliche Korrekturleserin und einsam. Sie arbeitet und lebt in Tokio und hat kaum soziale Kontakte. Als sie eines Tages zufällig ihr Spiegelbild in einem Schaufenster entdeckt, sieht sie eine langweilige, unbeholfene, kraftlose Frau - und sie beschließt, etwas dagegen zu unternehmen. Mieko Kawakamis >All die Liebenden der Nacht< ist klug und fesselnd, poetisch, schmerzhaft, schonungslos und schön. Ein weiterer unvergesslicher Roman von Japans aufregendster Autorin.
>>Ein Meisterhaftes Werk<< Kirkus Reviews"
Beschreibung auf dem Buchklappentext:
"Fuyuko ist 34 Jahre alt, Korrekturleserin und einsam. Sie lebt für ihre Arbeit, die sie mit selbstausbeuterischer Gewissenhaftigkeit verrichtet. Einzig der Spaziergang, den sie regelmäßig durchs nächtlich erleuchtete Tokio unternimmt, bereitet ihr neben dem Beruf Freude. Sie hat sich in ihrem Einsiedlerinnenleben eingerichtet, bis sie eines Tages in den Spiegel sieht und feststellt, dass sich ihr ganzes Dasein in einem einzigen Wort zusammenfassen lässt: miserabel. In diesem Moment entscheidet sie, dass sich etwas ändern muss - und fasst einen folgenschweren Entschluss: Sie beginnt zu trinken. Was mit einem Feierabendbier beginnt, gerät allmählich außer Kontrolle, und bald verlässt Fuyuko das Haus nicht mehr ohne eine Thermoskanne Sake. Bisher bloß am Beckenrand wagt sie sich nun hinein ins Leben - und sinkt immer tiefer. Allein die zufällige Begegnung mit einem Mann namens Mitsutsuka bewahrt sie davor, unterzugehen. Intensiv und aufwühlend zeichnet Mieko Kawakami das Bild einer Frau, die erkennt, dass sie auf sich selbst hören muss, um von der Randfigur zur Protagonistin im eigenen Leben zu werden."
Kurz über die Autorin:
"Mieko Kawakami, geboren in Osaka, ist die Autorin des internationalen Bestsellerromans >Brüste und Eier< (DuMont 2020), der von der Niew York Times zu einem der bemerkenswertesten Bücher des Jahres gekürt und vom Time Magazine unter die besten zehn Bücher 2020 gewählt wurde. 2006 debütierte Kawakami als Lyrikerin und veröffentlichte im Folgejahr ihren ersten Roman >My Ego, My Teeth, and the World<. Für ihr Werk wurde sie mit zahlreichen renommierten Literaturpreisen ausgezeichnet, darunter der Akutagawa-Preis und der Tanizaki-Preis. Mit >Heaven< (DuMont 2021) schaffte sie es auf die Shortlost des International Booker Prize. Sie lebt in Tokio." (aus dem Buch)
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Vorkommende Charaktere:
Hijiri Ishikawa - Abteilung Korrektorat im Verlag , Fuyukos Lektorin
Kyoko - ehemalige Kollegin im Verlag
Noriko Hayakawa - Ihre Schulfreundin aus der Oberschule
Mizuno - ihr Schulfreund aus der Oberschule
Herr Mitsutsuka - trifft ihn zufällig im Culture Center
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Meine Meinung:
Zur Handlung: Die 34-Jährige Fuyuko Irië ist freiberufliche Korrekturleserin in Tokyo und lebt in den Tag hinein, außer Arbeit macht sie eigentlich nicht viel mehr; einmal im Jahr zu ihrem Geburtstag nachts spazieren zu gehen ist schon etwas Besonderes für sie. Sie ist allein, auf Arbeit spricht man über sie und selbstständig macht sie sich dann nur aufgrund der ihr bekannten Lektorin Hijiri, die sie ermutigt. Als Fuyuko eines Tages zufällig ihr Spiegelbild in einer Scheibe sieht, findet sie sich selbst erbärmlich und kommt zu einer Erkenntnis: "Die Frau, die mir entgegensah, war ich. In Strickjacke und verwaschenen Jeans. Vierunddreißig Jahre alt. Allein. Eine erbärmliche Frau, die selbst hier in der Stadt und bei schönstem Wetter nicht wusste, wie man lebt. Die eine Tasche mit Dingen umklammerte, die andere Leute dankend ablehnen oder sofort wieder wegwerfen." Fuyuko beginnt zu trinken, um nicht mehr 'sie selbst zu sein'. Mit angetrunkenem Mut geht sie ins Culture Center, um sich für irgendeinen der Kurse anzumelden. Allerdings kommt es anders, ihr wird schlecht und zufällig begegnet sie so Herrn Mitsutsuka, der vor Ort Kurse besucht. Die beiden beginnen, miteinander zu reden und hin und wieder Kontakt zu haben- Anrufe, Mails, Treffen im Café. Fuyuko muss sich immer Mut antrinken, genießt diese Treffen aber zusehends. Sie unterhalten sich kaum über sich, sondern über allgemeine Themen. Da sich Herr Mitsutsuka als Physiklehrer vorstellt, drehen sich Fuyukos Fragen häufiger um solche Themen. Sie sprechen über Dinge wie z.B. das Licht und er erklärt ihr so einiges. Diese Treffen und Gespräche werden für Fuyuko etwas ganz besonderes.
Der Stil des Buches ist sehr leise, langsam, ruhig und unaufgeregt, aus Fuyukos Sicht erzählt. Wer auf Spannung steht, ist hier definitiv falsch. Vielmehr bekommt man hier ein normales Alltagsportrait einer alleinstehenden, einsamen Frau in Tokyo mit all ihren Problemen, die vorsichtig den Kontakt zu anderen Menschen sucht. Dieser Roman hat mich ehrlich gesagt aber auch ziemlich gefordert. Ich bin lange nicht wirklich in einen Lesefluss gekommen und erstmals glaube ich, ich hätte es wahrscheinlich in absoluter Ruhe und Stille lesen müssen (normalerweise kann ich überall lesen, auch in öffentlichen Verkehrsmitteln etc.). Die Gespräche der Charaktere gingen immer um alles mögliche und ich hatte etwas Probleme, ehe ich überhaupt irgendwie erstmal den roten Faden fand. Ich habe Fuyukos Gefühl der Einsamkeit und Angst vor sozialen Interaktionen und dem gleichzeitigen Sehnen danach aber sehr gut nachvollziehen und verstehen können, andererseits habe ich nicht verstanden, warum sie keine Hobbys, Interessen oder auch sonst eine Meinung zu irgendetwas zu haben scheint. Das kann man auch als einsamer Mensch haben. Im Buch kommen so einige Charaktere außer dem geheimnisvollen Herrn Mitsutsuka vor, etwa ihr erster Freund in der Oberschule, von dem sie in einer Rückblende erzählt. Dieser möchte am liebsten an eine Uni weit weg, um endlich sein selbstgewähltes, "richtiges" Leben zu beginnen. Oder ihre einzige Schulfreundin Noriko, von der sie als Schülerin erzählt und wie sie sich Jahre später nun wiedersehen- Noriko hadert mit ihrer Rolle als Ehe- und Hausfrau, zeigt sich desillusioniert und vertraut Fuyuko z.B. auch als einzigen Menschen ein Geheimnis an. Warum sagt sie es ihr? Das sagt sie ihr ebenfalls klar ins Gesicht: "Weil du in meinem Leben keine Rolle spielst". Die lebhafte Lektorin Hijiri dagegen macht, was sie in ihrem Leben für richtig hält, zeigt sich selbstbewusst und genau als das Gegenteil Fuyukos.
Fuyuko wird immer wieder mit verschiedenen Meinungen und Ansichten konfrontiert, die Leute erzählen ihr ihre ganz persönlichen Gedanken zu etwas, während Fuyuko einfach zuhört. Gespräche zeigen sich dadurch manchmal etwas einsilbig und seltsam in der Übersetzung, wer sich etwas mit der japanischen Sprache auskennt, wird jedoch merken, dass es hier und da eben sehr typisch Japanisch zugeht, mit zustimmenden Lauten etwa oder schlicht dem Ungesagten, das der Leser zwischen den Zeilen erkennen muss. Übrigens finde ich in dem Zusammenhang den Buchrücken und Klappentext sehr dramatisch: Danach hatte ich erwartet, dass sich einiges noch etwas mehr zuspitzt, aber im Grunde bleibt das Buch erzählerisch leise, Fuyuko's Einsamkeit kommt auch erst spät als Selbsteingeständnis, man muss wie gesagt vieles zwischen den Zeilen lesen. Etwa, dass das Nicht-befolgen eines "Nein" eine Vergewaltigung darstellt und oft nicht als solche erkannt oder behandelt wird- oder der Alkoholismus. Wir lesen zwar, dass Fuyuko trinkt, dass sie nur mit Alkohol Mut fasst, rauszugehen etwa- aber es wird nicht näher angesprochen oder kritisiert- das Thema kommt nebenbei und es geht auch nebenbei wieder. Fuyuko scheint nicht wie der Buchklappentext impliziert die Kontrolle zu verlieren, denn sie kann irgendwann wieder so plötzlich aufhören, wie sie begann. Den Roman über kann man zusehen, wie sie von der teilnahmslosen, meinungslosen Frau zu jemandem wird, der sich ausprobiert, beginnt zu leben und am Ende schafft, anderen zu widersprechen, wenn auch zart, und eine eigene Meinung entwickelt. Das hat mir persönlich gefallen- nicht, dass sie ihr ganzes Leben über Bord schmeißt, das nicht. Aber sie beginnt zumindest, zaghaft Dinge zu hinterfragen und selbst zu entscheiden. Die narrative Stärke Kawakamis liegt wieder darin, Einblick in das Seelenleben einer Frau zu geben, ihre Verletzlichkeit, Unsicherheit, Distanz aufzuzeigen durch leise Erzählungen. Fuyukos Alltag wird mit all seiner Banalität erzählt und der inneren Leere, die in ihr herrscht. Kawakami versteht es auch hier, wie schon in "Brüste und Eier" geduldig vom Alltag ihrer Figur zu erzählen, von Details und Kleinigkeiten. Auch hier gibt es wieder keine körperlichen Tabu-Themen, etwa wenn sie von Erbrochenem, Schweiß oder säuerlichen Atem schreibt.
Herr Mitsutsuka als Charakter bleibt mir übrigens ein Rätsel. Ich kann nur vermuten, dass es in ihm ähnlich zuging wie in Fuyuko.
Im Roman kommen für Kawakami typisch wieder verschiedene (psycho-soziale) Themen angeschnitten vor, z.B. die Rolle der Frau in der Gesellschaft- von Feminismus, Durchsetzungsfähigkeit, Frauen und Arbeit, Konkurrenz und Unterdrückung, Rollen wie Hausfrau/Mutterschaft, Ehe, alleinerziehend, unverheiratet sein, Beziehungen und Sexualität. Aber auch Diskriminierung (durch Kollegen etwa oder hier dezent auch gegenüber weiblichen Körpern: öfter sind hier Frauen als dick bezeichnet. Ob als bewusste oder unbewusste Diskriminierung kann ich nicht mal sagen. Vielleicht soll sogar angedeutet werden, dass die Hauptfigur eine Essstörung hat, weil sie wenig isst, aber genau weiß man es nicht und kann als Leser nur raten), Alkoholismus, Vergewaltigung (gerade das Thema Einverständnis geben), Akzeptanz, Routine, oder Monotonie, Entfremdung, Einsamkeit werden stark Thema- oft wie gesagt nicht bewusst von den Charakteren angesprochen, sondern als Thema zwischen den Zeilen. Kawakami spricht immer wieder solche soziale Themen an und nutzt gern Charaktere, die nicht der üblichen (japanischen) "Norm" entsprechen: Fuyuko kündigt z.B. in ihrem Verlag wegen einem "unguten Betriebsklima" oder ein anderer Charakter trennt sich von ihrem Partner als sie schwanger ist, weil der keine Kinder will. Auch das Herabwürdigen von Frauen über andere Frauen ist Thema. Übrigens haben wir mit Fuyuko erneut einen Charakter Kawakamis, dessen Eltern im Roman keine Rolle spielen. Interessante Muster, die sich wiederholen. Das, was mich an Fuyuko übrigens zu Beginn gestört hat, dass sie keine Meinung zu etwas hat etc., werfen ihr andere Charaktere später übrigens auch bewusst vor, was ich dann wiederum gut fand, hieß für mich etwa, dass dieses Gefühl bei mir als Leser vielleicht sogar absichtlich geweckt werden sollte. Und was sie ihr an den Kopf werfen, ist dann nicht gerade zimperlich. "Keine Ahnung, ob du nicht kannst, nicht willst oder ob es dir egal ist - von dir aus tust du jedenfalls nichts [...]"
Die Übersetzung stammt erneut von Katja Busson und ich freue mich ENDLICH mit diesem Roman ein Buch Kawakamis aus ihrer Übersetzung ohne viele Fehler zu finden. In "Brüste und Eier" sowie in "Heaven" war ich irgendwann schon dezent genervt über die ganzen Fehler (da man als Leser ja annimmt, dass das Buch durch eine ordentliche Korrektur geht. Ein, zwei Fehler ok, aber in den beiden Büchern waren es leider sehr viele). Ich hatte bei diesem Roman auch das Gefühl, dass es so versucht wurde zu übersetzen, dass man es im Deutschen versteht, also auch, dass nicht alles zwanghaft übersetzt werden muss, z.B. gehen die Charaktere in einem Café essen und da heißt es: "Als der Kaffee serviert wurde, murmelte jeder für sich itadakimasu [...]"
Das Cover gefällt mir wie die anderen bisherigen Kawakami-Cover sehr gut, es ist sehr dunkel gehalten und zeigt eine Frau auf einem Schreibtisch (liegend), schreibend oder korrigierend mit Blättern, Bleistift und Radiergummi, während sich verschiedene Lichtsprengel darüber verteilen. Ich finde es immer gut, wenn Cover Bezug zum Inhalt eines Romanes haben und nicht etwas völlig anderes implizieren.
Im Nachhinein muss ich sagen, dass ich das Buch irgendwann vielleicht noch einmal in Ruhe lesen muss. Am Ende zumindest habe ich noch einmal die erste Seite vor dem ersten Kapitel erneut gelesen und muss sagen, dass sowas im Nachhinein noch einmal mehr Sinn machte. Gerade, da mir das Buch im Verlauf dann doch noch gefiel, sollte ich dem Anfang vielleicht doch noch einmal eine Chance geben.
- "Ich frage mich, warum es nachts so schön ist. "Weil die Welt nachts nur noch zur Hälfte existiert", sagte Herr Mitsutaka einmal, [...] Im Dunkeln strengt der Rest der Welt sich doppelt an, deshalb ist das Nachtlicht so schön.""
- "Die meisten Menschen sind schwach, kriege ich zu hören, aber das nenne ich nicht Schwäche, das nenne ich Dummheit. Und ich bin nicht stark, sondern ehrlich. Und was interessiert es mich, ob das gerade out oder in ist? In oder out hat mich noch nie interessiert. Ich bin, wie ich bin."
- "Hatte ich mich jemals für etwas entschieden, hatte ich jemals selbst gewählt?, fragte ich mich, den Blick auf das Telefon zwischen meinen Händen gerichtet. Dass ich der Arbeit nachging, der ich nachging, dass ich hier wohnte, allein war, niemanden zum Reden hatte, war all das das Ergebnis einer Wahl, einer bewussten Entscheidung?"
- "Mehr als allein kann man nicht sein, wenn man schon so lange allein ist, hatte ich gedacht, aber ich war mehr als allein. So viele Menschen, so viele Orte, so ein unendliches Gewirr von Geräuschen und Farben und doch nichts, nicht das Geringste, nach dem ich meine Hand ausstrecken konnte."
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