"Das Haus der roten Töchter" - Buchrezension

Allgemeine Infos:
Titel: "Das Haus der roten Töchter"
Originaltitel: Akakuchiba-ke no densetsu (赤朽葉家の伝説)
Autor: Kazuki Sakuraba
Übersetzung: Aus der englischen Übersetzung von Jocelyne Allen übertragen von Marie Rahn
Erscheinungsdatum:  2006 [JP], 2019 [D]
von mir rezensierte Auflage: Deutsche Erstausgabe 02/2019
Originalpreis: 10,99€ [D]
Verlag: HEYNE Verlag
Umfang / Buchart: 494 Seiten, Paperback/Taschenbuch-Umschlag
Genre: historischer, fiktiver generationsübergreifender Roman
ISBN: 978-3-453-42297-1
Info: Der Roman spielt in der Heimat der Autorin, Tottori. 

Buchrücken:

"Eine fesselnde Familiensaga vor dem historischen Panorama Japans
Japan 1953: Manyo, das Mädchen aus den Bergen, hat eine besondere Gabe: Sie kann die Zukunft voraussehen. Als ihr eigener Stamm sie aus dem Grund verstößt, muss sie unten im Tal leben. Mit ihrem langen schwarzen Haar und ihren großen Augen fällt sie in der kleinen Dorfgemeinschaft auf. Jahre später nimmt der Sohn der angesehensten und reichsten Familie sie zur Frau. Doch warum erwählt er ausgerechnet die arme Manyo? Dieses Geheimnis wird Manyos Enkelin Toko erst Jahrzehnte später lüften..."

Beschreibung auf dem Buchumschlag:
"Dann", murmelte Manyo unbewusst, "sind wir doch, ganz gleich, wie lange wir rennen, um immer höher zu kommen, die ganze Zeit oben auf einem großen, runden Ball, der sich ja drehen muss, und am Ende landen wir dort, wo wir losgelaufen sind. Hat die Welt wirklich eine derart hoffnungslose Form?"
Vom Rand der Terrasse, wo sich das Haus der Akakuchibas befand, hatte Manyo ganz Benimidori im Blick. Die große Werksanlage in den Bergen, die Wohnhäuser. Die Gemüsegärten des Dorfs, den breiten Fluss, wo früher die Tatara-Eisenhütte stand. Das Hafengebiet und dahinter das Japanische Meer. Von hier oben konnte sie all das sehen. Und - tatsächlich - der Horizont war gebogen. Das Meer war der Beweis, dass die Erde tatsächlich rund war. Ganz gleich, wie schnell sie alle rannten, ganz gleich, wie sehr die Fabrikarbeiter und die Büroangestellten in ihren Anzügen und alle Männer nach dem Krieg an eine strahlende Zukunft glaubten und ihr Bestes gaben, um aufzusteigen, geht die Straße am Ende nur einmal rund herum, und zuletzt landen sie dort, wo sie aufgebrochen sind...

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Kurz über die Autorin:
"Kazuki Sakuraba ist eine erfolgreiche Autorin in Japan. Sie hat zahlreiche Romane veröffentlicht und erhielt unter anderem 2008 den renommierten Naoki-Preis. Das Haus der roten Töchter ist ihr erster Roman bei Heyne." (Text aus dem Buch)
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Inhaltsverzeichnis:
TEIL EINS: Die letzte Ära der Legenden
1953-1975
Manyo Akakuchiba

TEIL ZWEI: Die Ära von Größe und Leere
1979 - 1998
Kemari Akakuchiba

TEIL DREI: Mörderin
2000 - Zukunft
Toko Akakuchiba
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Vorkommende Charaktere:
Familie Akakuchiba:
Manyo
- hellsichtige, vom Bergvolk-abstammende Frau, die zur "jungen Herrin" des Hauses Akakuchiba wird

Midori Kurobishi - "Der Goldfisch", erst Rivalin, später Freundin von Manyo
Tatsu Akakuchiba - Manyos Schwiegermutter, Frau von Yasuyuki, Mutter von Yoji
Yoji Akakuchiba - Sohn von Tatsu & Yasuyuki, Mann von Manyo
Yasuyuki Akakuchiba - Mann von Tatsu, Vater von Yoji, Schwiegervater von Manyo
Namida Akakuchiba - ältester, zurückhaltender Sohn von Manyo & Yoji
Kemari "Kemmy" Akakuchiba - rebellische älteste Tochter von Manyo & Yoji
Kaban Akakuchiba - 2. Tochter von Yoji & Manyo, will Sängerin werden
Kodoku Akakuchiba - jüngster Sohn / jüngstes Kind von Manyo & Yoji
Yoshio - Mann von Kemari, Vater von Toko
Familie Tada:
die Tadas - Familie, die die ausgesetzte Manyo als Kind aufnahm
Shinobu Tada - jüngstes Kind von Manyos Adoptiveltern; führte mal eine Bikergang, dann einen Waffenladen
Yutaka Tada - Enkel des Tada-Pärchens; Freund von Toko

Familie Hozumi:
Toyohisa Hozumi - ehrgeiziger Arbeiter im Stahlwerk der Akakuchibas
Choko "Chocco" Hozumi - Nichte von Toyohisa, beste Freundin von Kemari
weitere Charaktere:
Masago - Dienerin im Hause Akakuchiba
Momoyo - Tochter von Masago
Takeshi Nojima - erster Freund von Kemari, Bandenanführer
Tamotsu Soho - erster Lektor von Kemari als Mangaka
Aira - Doppelgängerin von Kemari
(Liste der weiteren Charaktere könnte noch fortgesetzt werden, aber ich beschränke mich auf die Wichtigsten)
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Meine Meinung:
Dieses Buch ist für mich der Beste Beweis, warum man keine Übersetzung der Übersetzung machen sollte. Und: das ist trotzdem das erste Buch wo ich sagen muss, dass es mir zur Mitte/Ende besser gefallen hat als zu Beginn (da hätte ich am liebsten abgebrochen). Aber mal von vorn. Das Buch ist ein Generationsroman, der die Geschichten dreier Frauen einer Familie erzählt: Zuerst die von Manyo, die in die Zukunft schauen kann; dann ihrer rebellischen Tochter Kemari und wiederum deren Tochter Toko, die ihren Platz in der Familie & Welt noch sucht. Aber hier noch etwas genauer, ohne alles zu verraten:

Der erste Teil handelt vom Leben von Manyo Akakuchiba, einer ganz besonderen Frau:  Als sie ungefähr 3 Jahre alt war, wurde sie von dem Bergvolk, von dem sie ursprünglich stammt, in dem fiktiven Ort Benimidori (in der Region San'in, Präfektur Tottori), zurückgelassen. Warum, weiß keiner so genau, aber eines der Pärchen des Ortes nimmt sie wie ein eigenes Kind auf. Manyo fällt mit ihren sehr dunklen, langen Haaren und der dunkleren Haut im Ort optisch auf, was ihr als Kind auch Spott einbringt. Überhaupt ist der Ort sehr eigen: es gibt zwei markante große Häuser, "das Rote oben", in dem die altehrwürdige Familie Akakuchiba wohnt- sie wurden erfolgreich mit einem Stahlwerk, von dem der ganze Ort profitiert. Ihr rotes Haus ist weit nach unten hin erkennbar. Je weiter man den Berg hinab schaut, umso tiefer geht es in der Hierarchie: ganz oben das rote Haus, darunter, im Rauch und Ruß der Fabrik, kommen die anderen Häuser von Arbeitern, etc. Darunter befindet sich auch "das Schwarze unten". Dieses Haus gehört der Familie Kurobishi, eine neureiche Familie nach dem Krieg, deren Tochter Midori Manyo immer verspottet. Als Manyo 10 Jahre alt ist, geschehen ihr 3 Ereignisse, die uns im Buch geschildert werden, die ihr aus dieser Zeit besonders im Gedächtnis geblieben sind und ihr Leben geprägt haben. Erzählt wird uns ihre Geschichte übrigens aus Sicht ihrer Enkelin. Manyo hatte eine besondere Gabe, die dem Buch etwas fantasievolles verleiht: sie konnte gelegentlich in die Zukunft schauen, verstand die Visionen aber nicht immer und hat diese auch nur, wenn sie sich in einer bestimmten Höhe befindet. Dafür ist und bleibt sie Analphabetin. Im ersten Teil geht es nur um Manyo: ihr Leben bei ihren Adoptiveltern, ihre Kindheit und Jugend, wie sie schließlich zu ihrem Ehemann kam, die Hochzeit und die ersten Jahre als "junge Herrin". Manyo wird als auffällig andersartig beschrieben, die einen mögen sie dafür, die anderen nicht. Oft ist sie schwer von Begriff, naiv, weltfremd regelrecht, weiß zum Beispiel nicht einmal, was der Planet Erde ist, wie er aussieht und all solche Dinge. Sie fügt sich irgendwie immer in ihr Schicksal ohne zu murren und hat für mich gefühlt selten eine eigene Meinung, was sie für mich als Charakter auch zuerst wenig interessant gemacht hat. Auch ihre Visionen nimmt sie immer so hin, versucht nie z.B. mal ein Schicksal zu verändern. Geschichtlich geht es hier um die glorreiche Zeit Japans nach dem Krieg, der Traum von Aufschwung und Arbeit, vor allem auch das Familien-Stahlwerk der Akakuchibas. Gegen Ende des ersten Teils merkt man aber auch schon den gesellschaftlichen Wandel.

Der zweite Teil des Buches handelt von Kemari, Manyos ältester Tochter. Sie ist im Gegensatz zu ihrer Mutter, die sich immer in alles fügt, das ganze Gegenteil. Sie ist wild, rebellisch und führt eine regionbekannte Mädchen-Motorradgang an. Mit frisierten Rädern und rebellischen Look sind die Jugendlichen unterwegs und wollen sich so von vorherigen Generationen abgrenzen. Kemari macht immer wieder Ärger, schafft sich einen Namen, kann aber auch familiär oder verlegen sein. Kemari hat seltsame Beziehungen, die sie aber scheinbar nicht ernsthaft liebt, ganz anders ihre Bindung an ihre beste Freundin Choko Hozumi: bei ihr hat man das Gefühl, dass sie Kemari besonders wichtig ist. Man erfährt nebenbei wieder etwas zum Wandel der Region, den Ärger, den die rebellische Jugend macht und wie diese schließlich erwachsen wird. Auch Kemari wird schließlich durch verschiedene Umstände ernüchtert erwachsen & wird ganz nebenbei zu einer bekannten Mangaka mit ihrer Serie "Iron Angels!". Allerdings kommt ihr auch da ihr Ehrgeiz zugute oder in die Quere, wie man es nimmt. Verschiedene Schicksalsschläge führen schließlich dazu, dass Kemari Mutter wird. Den zweiten Teil fand ich übrigens besser als den ersten. Ich weiß nicht, ob es daran lag, dass ich mich dann endlich eingelesen hatte, oder ob die Geschichte einfach mehr Tiefgang bekam: Für mich persönlich wurde das Buch interessanter oder auch besser, als Kemari ihre alte Freundin Choko wieder aufsucht und zur Rede stellt. Ich fand, da kam etwas mehr Tiefgründigkeit in die Geschichte, man bekam mehr Innenansichten der Charaktere, die ich zuvor vermisst hatte. Auch den zweiten Teil erzählt Toko.

Im dritten Teil erfahren wir schließlich von Tokos Leben, der Tochter Kemaris und Enkelin Manyos. Diesmal wird in die "Ich-Perspektive" gewechselt, da Toko persönlich von ihrem Leben berichten kann. Sie erzählt u.a., wie sie aufgewachsen ist, an was sie sich erinnert und was ihr erzählt wurde. Als ihre Geschichte einsetzt, ist sie Anfang zwanzig und hat ihren Weg im Leben noch nicht gefunden. Auch ihr Freund, den sie seit der Schule hatte und der dort sehr beliebt war, ringt mit dem Erwachsenwerden. Was heißt es, Erwachsen zu sein? Was bedeutet es, ein "starker Mann" zu sein? Welche Aufgabe hat das Leben für Toko zu bieten, die sich selbst als "unwürdige Erbin" der Akakuchibas ansieht? Die Gedankenwelt der Charaktere ist hier tiefer und hat es mir leichter gemacht, einen Zugang zu ihnen und ihren Gefühlen zu finden als zu z.B. Manyo zu Beginn. Während Toko auf der Suche nach ihrem eigenen Weg ist, vertraut ihr ihre Großmutter im letzten Moment ein grausames Geheimnis an. Toko steht unter Schock und beginnt sich zu hinterfragen: Was hat ihre Großmutter gemeint? Ist diese tatsächlich fähig, jemandem etwas anzutun? Und wenn ja, wem? Und wann, warum? Toko beginnt, ihre eigene Familiengeschichte zu untersuchen und versucht herauszufinden, was geschehen sein könnte. Dieses Rätsellösen nimmt einen entscheidenden Teil der letzten Geschichte ein.

Soweit zum groben Inhalt der drei Buchteile. Kommen wir zu was mich gestört hat am Roman: Wortwahl und Ausdruck. An und für sich finde ich die Geschichte der Familie über Generationen schon interessant. Es war auch nicht die Geschichte an sich, die mich fast zum Abbruch geführt hätte, sondern der Erzählstil: Der wirkt oft hölzern, sagt wenig aus, wodurch Charaktere oft zu Beginn im ersten und noch zweiten Teil für mich wenig Tiefe besitzen, ich wenig Einsicht in ihre Gefühle erhielt und sie mich oft nur verwirrten. Wortwahl der Erzählung sowie wörtliche Rede (die zu Beginn übrigens auch weniger vorkommt und es dadurch mehr eine Erzählung ist) wirken seltsam, eigenartig, verschroben und fremd. Ich weiß nicht, ob das so gewollt ist von der Autorin - weil die ersten Teile aus der 3. Person, der letzte Teil aber aus der Ich-Perspektive erzählen (es bessert sich meiner Meinung nach, als mehr Unterhaltungen zwischen den Charakteren gegen Teil 2/3 zustande kommen). Aber ich fürchte, es hat auch noch folgenden simplen Grund: Die Übersetzung hapert. Denn was mich richtig ärgert an dem Buch, ist, dass das Buch nicht aus dem Original Japanischen übersetzt wurde, sondern anhand der englischen Übersetzung übersetzt wurde. Sowas geht meistens sehr schief, weil in Übersetzungen von Übersetzungen Dinge einfach verloren oder eben schief gehen.
Beispiele:
Das Bergvolk wird im Buch als "Ausländer" bezeichnet. Das fand ich sehr seltsam und glaube nicht, dass das von der Autorin so gewollt ist, sondern in der Übersetzung schief lief. Denn Manyo stammt von einem Bergvolk und nicht aus dem Ausland. Immerhin versucht die Enkelin im Buch zu erklären, dass sie diesen Ausdruck gewählt habe, Forscher jedoch ganz andere Namen für das Bergvolk besitzen. Das nimmt wiederum dem Ganzen ein bisschen den seltsamen Ausdruck, dennoch wirkt es falsch gewählt. "Fremde" oder ein anderer Begriff hätten vielleicht besser gepasst.
Auch wird geschrieben, das Haus wäre rot, wie "der erste Buchstabe" des Namens der Familie - im Japanischen gibt es aber keine Buchstaben, "Silbe" oder "Schriftzeichen" oder "Kanji" wäre besser gewählt für die Übersetzung. Es mögen nur Kleinigkeiten sein, aber wer sich auch nur ein kleines bisschen mit Japanisch beschäftigt, wird bei der deutschen Übersetzung erahnen können, dass da was nicht ganz richtig ist hier und da. Auch der Wechsel von Namen (gerade stand da noch Kemari, dann mehrfach Kumarin- ich dachte es ist ein neuer Charakter, aber es war schon noch Kemari gemeint) ohne Erklärung störte mich [vielleicht war es auch ein mehrfacher unbemerkter Schreibfehler direkt hintereinander]. Wenn es wörtliche Rede, Gespräche gibt,  sind die meist im ersten (und auch noch zweiten Teil des Buches) kurz, knapp, wenig aussagekräftig, wenig emotional, und oft dachte ich mir: hier ist wieder was in der Übersetzung verloren gegangen. Denn manche Gespräche wirken einfach nur sinnlos. Um ein Beispiel zu geben:
"Da sie sich mit vollem Magen so heftig bewegten, bekamen sie Seitenstiche.
》Au, mir tut der Bauch weh!《
》Mir auch, Kemmy.《
》Echt? Uns beiden?《
》Hahaha! Wir sind ja so blöd!《"


Was mich außerdem am Buch gestört hat: Das oft seltsame Frauenbild. Das hat mich doch immer wieder irritiert. Beispiele: Die Dienerin Masago wird anfänglich und später immer wieder als "ältere" und "ältliche" Dienerin bezeichnet. Das weckte bei mir beim Lesen einen Gedanken von 50/60+. Als dann irgendwann kam, dass sie sich "schon in ihren Dreißigern" befände, war ich schockiert, was denn die Autorin bitte unter einer alten Frau versteht. Ich sicher noch keine Frau in den 30ern. Immerhin wird auch geschrieben, als junge Frau wäre Masago eine schöne Frau in voller Blüte gewesen und als Manyo mit Anfang 20 auf den Plan trat, waren bei Masago mit in den 30ern:  "mehrere Blütenblätter schon verblasst und dabei abzufallen, aber die Frau klammerte sich mit aller Macht daran." Das fand ich ganz ehrlich ziemlich diskriminierend und frage mich, ob man mit 40 in den Augen der Autorin dann schon halb gestorben ist. Denn es geht mit Kommentaren zu Masagos Körper und Benehmen im gleichen Zeitalter immer so weiter, u.a. "Das Alter hatte schon solche Spuren hinterlassen, dass sie einem fast leidtun konnte: Sie war ein trauriger Anblick, der einen resigniert zum Seufzen brachte [...] Ihr Bauch war schlaff, ihre vollen Brüste hingen herunter wie zwei Flaschenkürbisse [...]" Das geht schon in Richtung internalisierte Misogynie und ihre Charakteristik später auch in Richtung Verwendung von "Pick me Girl". Ihr Bild von 'Wann ist eine Frau schön und in der Blüte ihres Lebens', ist leider ziemlich angestaubt und ich würde es sogar toxisch nennen, denn auch mit anderen Charakteren geht sie in der Beschreibung so um: "Dies war im Herbst 1975, als Manyo Akakuchiba und Midori Kurobishi beide zweiundreißig waren und damit ihre Blütezeit überschritten hatten." - Das impliziert, dass Frauen nur mit 20 wunderschön und 'zu was zu gebrauchen sind' und ab 30 ihre beste Zeit hinter sich haben, was mir beim Lesen ehrlich gesagt gegen den Strich ging. Ja, es spielt in einer anderen Zeit, es spielt auch in noch einem anderen Rollenverständnis. Aber: es wird von der Enkelin erzählt, die theoretisch anders aufgewachsen ist. Da hätte dann sowas stehen können wie: "Man erzählte mir, dass..." und dann hätte Toko das vielleicht erklären können mit "aber damals war es noch so und so." Das geschieht jedoch nicht. Man hat das Gefühl beim Lesen, dass nicht vereinzelte Charaktere so denken oder der Roman gar das Thema toxische Weiblichkeit kritisch in Frage stellt. Ich hatte eher das Gefühl, dass die Erzählerin der Geschichte nicht für sich spricht, sondern die Autorin da ihre persönlichen Ansichten teilt. Und das fand ich bei dem ein oder anderen Thema, gerade was Frauenrollen betrifft, sehr unangenehm. Immerhin ist der Roman von 2006 und nicht aus den 50ern etc. Vielleicht "hapert" es aber auch da wieder an der falschen Übersetzung. Aber irgendwie geht es ja bei den Frauen des Romans immer so zu. Denn ein anderes Beispiel: Kemari, das "wilde Feuerpferd"- sie wurde im Jahr des Feuerpferdes nach dem Tierkreiszeichen geboren. In Japan gelten diese Frauen (bis heute teilweise!) als Unheilbringend für ihre Familien und schwer zu verheiraten. Kemari und die Mädchen ihrer Generation werden genau so beschrieben und erfüllen damit ein absolut japanisches Klischee. Neben ihrem wilden Ungehorsam wird Kemari noch eine weitere "Macke" angedichtet: Sie soll einen optisch sehr schlechten Männergeschmack haben (also "überaus hässliche"), was ich persönlich schon wieder unglücklich formuliert fand alles- ich dachte irgendwann: "Warum sind die Frauen hier so negativ und mit solchen Macken formuliert?" Denn auch Momoyo wird als negativer Charakter geführt, sie hat z.B. nur die negativen Eigenschaften ihrer Mutter geerbt. Und auch bei der moderneren Geschichte von Toko bemerkt man trotzdem noch (japanische) Frauenklischees: "Außerdem wurden wir in diesem Jahr dreiundzwanzig. In dem Alter wurde man langsam sesshaft." Immerhin beginnt bei Toko so ein bisschen dann ein Wandel. Sie begreift z.B., dass sie im Gegensatz zu ihrer Mutter und Großmutter eines Tages aus Liebe heiraten will.

Woran ihr euch auch gewöhnen müsst: der Einsatz von Fantasy-Elementen. Es kommt zu maßlosen Übertreibungen, die so nicht realistisch sind, ganz abgesehen von Manyos Hellsicht. Da fliegt zum Beispiel ein Junge, der mehrmals schon von Autos angefahren wurde, (und nie was hatte an Verletzungen) nach einem erneuten Anfahren durch die Luft und ein anderer fängt ihn ganz einfach auf, mit der Warnung, auf dem Asphalt hätte er sich sonst böse verletzt. Oder: eines der Kinder beißt sich an einem anderen fest und lässt erst Abends wieder los. Oder: während einer der Schwangerschaften würde man Manyos Fruchtwasser bei jedem ihrer Schritte schwappen hören. Es gibt zwar später eine Stelle, wo einer der Charaktere in Frage gestellt hat, ob die Dinge wirklich so geschehen sind oder es nur Geschichten sind, aber zu Beginn des Buches wirkt manches skuril, Charaktere und Handlungen seltsam. 
Zu den Charakteren: An und für sich weiß ich nicht wie ich es beschreiben soll, aber die Menschen im Buch haben eine gewisse Eigenart, eine gewisse Komik oder Seltsamheit an sich. Uns werden komische oder eigenartige Optiken oder Verhaltensweisen dieser  beschrieben, irgendwie ist jeder einfach für mich...seltsam. Verhaltensweisen sind mir oft eigenartig, unerwartet oder unerklärt geblieben im 1. und 2. Teil (oder darüber hinaus). Alle Charaktere haben irgendwie eine Macke, sind irgendwie schrullig, ich fühlte mich an verrückte Filme wie "Memories of Matsuko" oder "Kamikaze Girls" erinnert; oder das ein oder andere japanische Buch, wo aber eine gewisse Komik gewollt ist oder sich dahinter eine Gesellschaftskritik verbirgt. Hier jedoch kann ich nicht ausmachen, was von der Autorin gewollt ist und was wiederum vielleicht einfach nur unter der Übersetzung gelitten hat. Wer schräge Charaktere mag, ist hier jedenfalls richtig. 

Es gab mehrere Stellen im Buch, wo ich über Logik nachdachte:  Einer von Kemaris  Besonderheiten (oder Macken) ist, dass sie z.B. einen bestimmten Charakter überhaupt nicht sieht, dieser quasi für sie überhaupt nicht existiert - später wird zwar infrage gestellt ob dem so war, aber ich dachte mir nur oft so: Warum sagt ihr keiner der Verwandten, dass XY da ist/ existiert; warum spricht das niemand bei Kemari an, warum zeigt ihr keiner Fotos etc.?! Oder: warum nimmt Manyo immer alles so hin? Warum hinterfragt sie nie Visionen, warum versucht sie z.B. nie, den Verlauf der Geschichte zu ändern? Dies und andere Sachen kamen mir während der Geschichte immer wieder in den Kopf. Irgendwo im Internet las ich die Kritik, dass im Buch nicht herauskäme, warum Yoji Manyo geheiratet hat. Allerdings wird dazu aber relativ früh im Buch bereits eine Vermutung von Manyo und der Enkelin geäußert.

Interessant sind dagegen die nebenbei im Buch beschriebenen geschichtlichen und gesellschaftlichen Wandel, die über die Jahre geschehen. Da das Buch in der Heimatregion der Autorin spielt, wird sie wahrscheinlich auch reale geschichtliche Begebenheiten mit eingebaut haben, auch wenn der Ort Benimidori selbst fiktiv ist. Diese Schilderungen und auch so Umgebungs- und Naturbeschreibungen fand ich interessant. Auch, wenn es dann fiktiv war. Beispiel: "Der Yamaoroshi ist ein heftiger, feuchter Wind, der von den Bergen kommt. Dieser Wind weht aus dem fernen China ungehindert über das Japanische Meer, bis er vor der riesigen Gebirgskette, die unter dem Namen Chugoku-Berge bekannt ist, aufgehalten wird; sobald er auf die Berge trifft, entlädt er seine Feuchtigkeit auf die Region. Daher wird diese Seite der Berge, wo die Luft sich klamm anfühlt und der Himmel immer fahlgrau ist, San'in oder >>Bergschatten<< genannt."
Das im Buch immer wieder erwähnte Bergvolk umgibt etwas geheimnisvolles, aber leider bleibt es das auch: geheimnisvoll. Ich hatte gedacht, dass da vielleicht doch noch ein bisschen mehr dazu kommt, war aber nicht der Fall.

Das Cover finde ich übrigens auch nicht gelungen. An und für sich ist es schön und gefällt mir- aber es passt nicht zum Roman. Die Burg erinnert nicht an das rote Haus und sieht mit dem Mädchen im Kimono eher wie ein historischer Roman aus Samurai-Zeiten aus. Und ehrlich gesagt hatte ich bei Buchrücken und Cover auch genau das erwartet: ein richtiger, historischer Roman, mit nachvollziehbaren Charakteren, Handlungen und Umgebungsbeschreibungen. Stattdessen blieben viele davon zuerst für mich konfus und manche Dialoge davon absolut sinnlos (dank der schlechten Übersetzung). Wer durchhält, bekommt später mehr Einsicht in die Charaktere.

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Eine Stelle aus dem Buch:
Ich habe zwar schon einiges zitiert, hier aber einige Stellen, die mir irgendwie im Kopf blieben.
  • "Vielleicht erschaffen die Art, wie wir leben, und die Entscheidungen, die wir treffen, tatsächlich die Zukunft. Darüber hatte Manyo noch nie zuvor nachgedacht. Die Männer: Ihre Aufgabe, ihre Verantwortung ist es zu arbeiten. Und wir Frauen: Wir müssen der Schatten im Schatten sein. Mit diesem Gedanken im Hinterkopf verbrachte sie ihre friedlichen Tage."
  • "Dieses Anwesen war gigantisch und hatte eine leichte Rückwärtsneigung, so als wollte es sich zwischen den Wäldern und Vorsprüngen des Berges verstecken. Fast wirkte es so, als schöbe ein Riese das Anwesen mit seiner Hand nach hinten, um es an das weiche Gestein des Gebirges zu drücken."
  • "Menschen sind schon seltsame Wesen. Schon ich selbst komme mir mehr als fragwürdig vor. Ehrlich, ich weiß nicht einmal, warum ich ein solches Wrack bin. Und doch gelingt es mir auch nicht, mich von meinen Problemen zu befreien. Veränderung ist schwer. Wachstum tut weh. Ich sagte zu mir, dass ich einfach nicht aufgeben durfte."
  • "Äh, was bedeutet es, ein >starker Mann< zu sein?"
    "Wahrscheinlich ist das ein Mann, der das schützt, was er liebt", antwortete mein Vater prompt, wenn auch leicht nuschelnd. Einen Moment lang fehlten mir die Worte. "Er würde das schützen, was er liebt?", wiederholte ich, wodurch seine Antwort mit einem Mal gewichtiger wirkte.
    "M-mhm."
    "Und in der Welt? Was bedeutet da ein starker Mann? So jemand wie du, mein ich."
    "Dein Vater ist kein starker Mann, er ist schwach. Wusstest du das nicht? In Wahrheit bin ich doch nur der angeheiratete Sohn."

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Fazit: 
Eine Generationsgeschichte über drei Frauen einer Familie; mit einem interessanten Ort und schrägen Charakteren. Die ersten beiden Teile lasen sich hölzern, seltsam. Der letzte Teil aus Tokos Sicht erzählt las sich für mich am Besten. Die unterschiedlichen Charaktere und ihre Geschichte sind schon interessant, wenn man von dem ein oder anderen absieht (Übersetzungsfehler, Frauenbild,...). In der deutschen Übersetzung ging wahrscheinlich viel verloren; wer kann, sollte lieber die Englische Übersetzung oder direkt das japanische Original lesen.

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