
Allgemeine Infos:
Titel: "Butter"
Originaltitel: バター(Batā)
Autor: Asako Yuzuki
Übersetzung: Aus dem Japanischen Ursula Gräfe
Erscheinungsdatum: 2017 (Jp), 2022 (D)
von mir rezensierte Auflage: 3. Auflage 2024
Originalpreis: 14,00€ [D]
Verlag: Aufbau-Verlag
Umfang / Buchart: 442 Seiten, Paperback/Taschenbuch-Umschlag
Genre: Roman, Gesellschaftskritik, Alltag, Essen, Psychologischer Krimi
ISBN: 978-3-7466-4071-6
Info: Das Buch basiert auf einem wahren Fall, den der "Konkatsu-Killer"-in Kanae Kijima
Buchrücken:

"Der Überraschungserfolg aus Japan: Ein universeller Roman über Genuss, Lebenslust und die Geschichte einer weiblichen Befreiung
》Eine geheimnisvoll schmeckende Mischung, die viel Gedankenfutter bietet.《 BRIGITTE
》Eine Frau fängt trotz gesellschaftlicher Widerstände an zu essen und gleichzeitig zu leben.《 DIE WELT
》Eine mitreißende Geschichte, die Appetit macht, mehr von dieser Autorin zu lesen.《 HAMBURGER MORGENPOST
》So frisch und bildlich erzählt.《 STERN"
Beschreibung auf der ersten Buchseite:
"Rika, eine junge Journalistin in Tokio, recherchiert über die Serienmörderin Manako Kaiji, die sich im Leben nimmt, was sie will. Sie soll Männer mit ihren Kochkünsten verführt und anschließend umgebracht haben. Manako behauptet, sie verabscheue nichts mehr als 》Margarine und Feministinnen《 und habe eine ausgeprägte Leidenschaft für Butter. Jetzt, wo sie im Gefängnis sitzt, empfängt sie Rika unter der Bedingung, nur über ihre Kochkünste zu reden.
Ein Roman, der Essen und Trinken feiert, vor allem aber die unmöglichen Erwartungen thematisiert, die an Frauen in patriarchalen Gesellschaften gestellt werden. Ein Must-Read für alle LeserInnen von Han Kangs 》Vegetarierin《, Sayaka Muratas 》Ladenhüterin《 und Mieko Kawakamis 》Brüste und Eier《.
》Der Roman ist eine sinnenfreudige Ballade über die Poesie der Buttercremetorte, Tirade gegen die Dummheit der Diäten, Satire über toxische japanische Weiblichkeit und Parabel eines Empowerments.《 FAZ "
"Asako Yuzuki wurde 1981 in Tokio geboren. Sie wurde für ihr Schreiben vielfach ausgezeichnet. Ihr Roman 》Butter《 ist ein internationaler Bestseller und erscheint in zehn Sprachen. Sie lebt mit ihrer Familie in Tokio." (Aus dem Buch)
Zur Übersetzerin:
"Ursula Gräfe hat Japanologie, Anglistik und Amerikanistik in Frankfurt am Main studiert. Seit 1989 arbeitet sie als Literaturübersetzerin aus dem Japanischen und Englischen und hat neben zahlreichen Werken Haruki Murakamis auch Sayaka Murata und Seishi Yokomizo ins Deutsche übertragen." (Aus dem Buch)
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Vorkommende Charaktere:
Rika Machida - junge Journalistin
Manako Kaijii ("Kajimana") - inhaftierte, vermeintliche Mörderin
Reiko - beste Freundin Rikas
Ryosuke - Reikos Mann
Makoto Fujimura - Rikas Freund
Kitamura - Kollege von Rika
Yu - Kollegin von Rika
Yoshinori Shinoi - Informant von Rika
Salon de Miyuko - Kochschule, in der Kajii gelernt hat
Motomatsu, Niimi, Yamamura - vermeintliche Opfer von Kajii
Anna Shoji - Schwester von Kajii
Masako Kajii - Mutter von Kajii
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Meine Meinung:
Zum Inhalt: Rika arbeitet als junge Journalistin in der Großstadt Tokyo. Als sie ihre beste Freundin Reiko und deren Mann Ryosuke besucht, kommt die Sprache auf Manako Kajii- eine Frau, die mehrere Männer um Geld betrogen und drei sogar umgebracht haben soll und jetzt im Gefängnis sitzt. Um den Finger gewickelt soll sie diese mit ihren Kochkünsten haben und auch im Internet führte sie einen Blog rund um das Thema Essen. Rika würde sie gerne interviewen, erhielt auf ihre Briefe aber nie eine Antwort. Reiko kommt schließlich im Gespräch auf die Idee, Kajii das nächste Mal nach dem Rezept für den Rinderschmortopf, den sie für einen der Männer gemacht hatte, zu fragen. Und tatsächlich: Kajii "Kajimana" springt darauf an und lässt Rika zu sich kommen. Doch schnell merkt Rika, dass es nicht so einfach wird: bereits zu Beginn passiert ihr ein Fauxpas, denn sie kann absolut nicht kochen, aber Kajimana schwört auf Butter und hasst Margarine. Sie gibt Rika ein Rezept mit, dass 'sogar diese schaffen dürfte'. Rika deckt sich für dieses simple Rezept ein und ist begeistert: es schmeckt ihr nicht nur traumhaft, sie, die sonst immer nur fertiges Essen kauft, kocht sich erstmals auch selbst etwas.
In Rika wird nun etwas entfacht: sie entdeckt eine Freude fürs Essen und das selbst Kochen- hatte sie doch bisher sonst nur wenig gegessen & auf ihr Gewicht geachtet, so isst sie jetzt auch mit Nachschlag. Sie beginnt etwas zuzunehmen und sofort beginnen die Männer und später auch Frauen, die sie im Job und Alltag umgeben, dies zu kommentieren. Bodyshaming wird hier genauso interessant angesprochen, wie andere Probleme von Frauen: Seien es die Probleme von alleinerziehenden, geschiedenen, pflegenden Frauen; von Frauen die zwischen Job und Familie balancieren müssen, etc. Ein Satz eines Kollegen Rikas bringt es besonders gut herüber, dass Frauen anderen Druck erleiden als Männer: "Aber bei Frauen ist Fett etwas anders als bei Männern, oder? Das sag ich nur zu deinem Besten." Und wahrscheinlich so gut wie jede Leserin wird sich da irgendwo wiederfinden (zum Thema männliche Kommentare zu weiblichen Körpern sowie vermeintlichen 'gut gemeinten Ratschlägen').
Und eine weitere Wandlung findet statt: Manako Kajii beschreibt Rika zuerst als "üppige Figur", "weder jung noch schön". Ryosuke bezeichnet sie sogar als "Fettkloß". Je öfter Rika Kajii besucht, umso mehr fällt ihr deren Ausstrahlung auf. Der Leser kommt schnell ins Grübeln: Tut der Frau die Haft so gut oder verändert sich Rikas Blick auf sie? Wie objektiv oder subjektiv ist Rika bei Kajii?
Es beginnt ein Katz-und-Maus-Spiel: Recht schnell fragte ich mich als Leser nämlich: wer versucht eigentlich wen zu ködern? Rika Kajimana, um an ihre Interviews bzw. Storys zu kommen, oder ist es eher Kajimana, die alles in der Hand hat und Rika Bröckchen für Bröckchen zuwirft und sie durch die Gegend schickt? Auch den Menschen, die Rika umgeben, fallen Rikas Wandlungen auf. Reiko sieht eine Gefahr in Kajii, welche ihre beste Freundin aus der Haft heraus beginnt zu manipulieren. Kurz entschlossen beginnt sie, selbst in dem Fall mitzuermitteln und begibt sich dabei selbst ins Fadenkreuz von Kajii.
Der Roman spielt hauptsächlich in Tokyo, zwischen Wohnungen, Gefängnis und Kochschule bekommt man hier und da auch mal die Umgebung beschrieben, wie etwa auch verschiedene U-Bahn-Linien, Restaurants, etc. Ländlich wird es, als Kajii Rika nach Agano schickt, wo sie u.a. einen Kuhstall, das Elternhaus, etc. besucht.
Spannung: Am Anfang dachte ich wirklich irgendwann "was soll jetzt noch groß passieren?", weil es immer irgendwie war, dass Rika Kajii besucht, die ihr irgendeine Aufgabe erteilt und sie dann neben ihrer Arbeit wieder zu ihr geht. Interessant wurde es für mich dann erst, als Rika die alte Heimatstadt von Kajii besucht und Reiko sich kurzerhand selbst mit in die Ermittlungen einmischt. Die wilde und unbändige Seite der sonst erst so brav wirkenden Reiko hat mir sehr gefallen und brachten eine neue Dynamik ein.
Butter spielt in diesem Roman nicht nur vom Titel her, sondern auch tatsächlich immer wieder eine große Rolle. In einem liebsten Kinderbuch von Reiko, in Manakos Kajiis Liebe für Butter und die immer wiederkehrende Verwendung in / & Verbesserung von Gerichten.
Der Roman ist an sich kein klassischer Krimi oder Thriller, hat nur leichte Elemente davon. Es kommt immer wieder zu Beschreibungen von Gerichten; Kochen und Essen hat einen hohen Stellenwert in diesem Roman, was aber nichts heißen muss für Leser, die nicht kochen können: Rika ist selbst Anfängerin und lernt es nach und nach. Neben dem Essen, kochen und dem Katz-und-Maus-Spiel um Rika und Kajii kommen viele Themen zur Sprache. Psychologischer Krimi oder Roman mit Gesellschaftskritik trifft es schon eher.
Themen wie psychologische Innenansichten, Philosophie ein Stück weit, Geschlechter-/ Rollenmuster und -klischees, Vorurteilen, Essen irgendwo als Macht sowie Identität und Selbsterfüllung, Freude am Genuss, Freundschaft und Liebe, Familie, gesellschaftliche Zwänge, Feministische und gesellschaftliche Kritik und Paradoxe, Körperbilder und ihre gesellschaftliche Beurteilung, Besessenheit und Transformation, Frauenfeindlichkeit und Machtdynamik, Weiblichkeit, Selbstbefreiung /-bestimmung und Lebenslust, Vergnügen und Grenzüberschreitungen, Wahrheit, Abhängigkeit, Manipulation und Mehrdeutigkeiten kommen in diesem Roman immer wieder u.a. vor.
Charaktere sind im Roman sehr komplex und vielschichtig, es gibt niemanden, der zum Beispiel immer gut drauf ist, jeder hat Stärken und Schwächen. Jeder macht irgendwie Wandlungen im Laufe der Zeit durch und wirkt dadurch sehr realistisch und echt. Rika, die für ein eher bei männlicher Lesern beliebtes Magazin schreibt, ist wichtig, einen anderen Blick auf den Fall zu haben, als wenn etwa ein Mann darüber schreiben würde. Sie durchdenkt ganz viel im Laufe der Geschichte, kommt mit der Zeit auch zu immer neuen gedanklichen Ergebnissen. Nicht nur, was den Fall Kajii betrifft (immerhin gilt es herauszufinden, ob diese wirklich eine Mörderin ist oder nicht), sondern auch so viele Menschen in ihrem Leben und ihr eigenes Leben betreffend. Wir erleben die Charaktere in vielfältigen emotionalen Stimmungen, abhängig davon wie es Rika auch gerade geht, ob sie selbstbewusst oder verunsichert ist, sieht sie die Menschen in ihrer Umgebung und deren Handlungen.
Erzählt wird im Roman aus der dritten Person mit Blick auf Rika und Einblick in ihre Gefühlswelt. Zwischendurch wechselt nur ganz kurz der Erzählstil für mehrere Tage zur Ich-Erzählweise, dann erzählt Reiko von einigen Erlebnissen. (Dieser Wechsel und Einblick in Reiko hat mir besonders gut gefallen). Schade war dann nur, dass dieser so schnell begonnen und auch wieder geendet hatte, man bekam später keinen weiteren Einblick in Reikos Gefühle, nur aus Rikas Sichtweise. Da hätte ich gern noch länger von gelesen. Übrigens habe ich gelesen, dass die Gerichte so geschrieben sind, dass sie inspirieren sollen, nachgekocht zu werden. Und ehrlich gesagt könnte ich es mir bei dem ein oder anderen wirklich vorstellen, zu probieren.
Übrigens ist das Buch von einem echten Fall inspiriert: 2007 bis 2009 tötete die japanische Serienmörderin und Heiratsschwindlerin Kanae Kijima, auch bekannt unter dem Namen "Konkatsu Killer" mehrere Männer oder bestahl sie zumindest. Wer sich zu ihrem Fall ein bisschen informiert und sie sich auch einmal optisch ansieht, wird große Ähnlichkeiten zu Manako Kajii feststellen. Kanae Kijima hat sich allerdings über den Roman beschwert.
Das Cover gefällt mir übrigens auch sehr, der recht simple Zeichenstil und Motiv passen gut zum Titel. Gefällt mir sogar besser als das japanische Cover: da ist der Titel rot unterlegt und auffälliger gestaltet, außerdem ziert das gelbe Cover eine schiefe Kuh und ein blutiger Handabdruck.
- "Beim Lesen von Manako Kajiis Blog stellte sie fest, dass diese die Butter von Calpis immer wieder lobte, und es erfüllte Rika mit Stolz, dass ihr Geschmackssinn sie nicht getrogen hatte. Früher hatte sie, was Kajii schrieb, überhaupt nicht interessiert und es auch nicht verstanden, egal, wie oft sie es las, aber seit sie gelernt hatte, den Geschmack von Butter zu würdigen, drang der Inhalt allmählich klarer zu ihr durch."
- "Das war es, was Rikas Herz höher schlagen ließ. Die Hoffnung, dass ihre Ideen sich in anderer Gestalt und Farbe in Wellen überallhin ausbreiten würden. Wie der letzte Tropfen einer geheimen Zutat in einer Suppe. Und sie wollte ihr Leben in Bewusstsein dieser Verbundenheit verbringen."
- Von Japanerinnen wird verlangt, geduldig, fleißig und leidensfähig zu sein und zugleich weiblich, nachsichtig und fürsorglich gegenüber Männern zu verhalten. Die meisten Frauen reiben sich auf in dem Versuch, eine Balance zwischen diesen Ansprüchen zu finden. Aber Ihre Geschichte macht mir umso klarer, wie unmöglich das ist. So können wir uns nicht retten. Wir werden niemals frei sein."
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* Unbezahlte Werbung / selbst getestet & selbst gekauft.
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